Dschungel der Ratlosigkeit – Eine Reise ins Amazonastiefland

Warnung: Falls dich dieser Artikel ratlos macht, liegt das vielleicht auch an meinem liederlichen Schreibstil!

Also gingen wir zu viert im Nachtbus nach Tena, wo wir von meinen deutschen Freunden herzlich begruesst wurden. Wir schauten uns das nahegelegene Doerfchen Misahualli ein bisschen genauer an und am Tag darauf gingen wir hoch zu der Wiederaufforstungs-Station im submontanen Regenwald, wo ich letztes Jahr waehrend drei Monaten gearbeitet hatte. Alles in allem war es sehr schoen, meinen Leuten diese Orte zu zeigen, wo noch viele gute Erinnerungen dranhaengen. Es sind halt immer noch viele der gleichen Leute dort (Robby, Jens, Oswaldo, Irma), das Wiedersehen machte einfach Freude und auch festzustellen, dass viele Samen, die waehrend meiner Zeit gesaeet wurden, schon ihre Fruechte tragen. Symbolisch gemeint…Die Station lisan yacu selbst sollte allerdings wieder mehr auf Vordermann gebracht werden, viel Machetenarbeit und Sanierungen warten meiner Meinung nach auf die ankommenden Volontaere. Das Volleyballfeld kann nicht mehr als solches bezeichnet werden, sondern gleicht eher einem liebevoll verwahrlosten, mit Unkraut ueberwachsenem Hobbygarten. Ja, in der ‚gruenen Hoelle‘ erobert sich die Natur ihre Plaetze schneller zurueck, als einem manchmal lieb ist…

Nach dieser kleinen Regenwald-Einfuehrung fuer meine Freunde/Familie waren wir bereit fuer die vierstuendige Ueberfahrt nach Puerto Francisco de Orellana (Coca). Danach blieb uns ein halber Tag, um uns diese Dschungelstadt an den Ufern der Fluesse Napo und Coca anzusehen und festzustellen: Der kulinarische Hoehepunkt besteht im ‚desayuno petrolero‘ (Oelarbeiterfruehstueck): Reis, Fleisch, Brot, Butter, Marmelade, hab ich noch was vergessen? Glaub schon… Doch im Ernst: das einzige geniessbare Essen in Coca ist das Fruehstueck im Hotel Auca, alles andere ist entweder ungeniessbar, geschmacklos oder verdorben. Ayayay es wird mir schon uebel, wenn ich nur wieder daran denke, z.B. an den argentinischen Grillteller im neuen Einkaufszentrum…
Dass falsch gelagertes oder zubereitetes Essen auch ganz schoen gefaehrlich sein kann, dazu spaeter…

Doch jetzt geht’s zuerst in den sagenumwobenen Yasuní-Nationalpark im nordoestlichen Landesteil Ecuadors. Unser Touristenfuehrer aus Quito und der standesgemaesse Chiva-Bus erwarteten uns am folgenden Vormittag puenktlich zum Beginn unseres Ausfluges in die Tiefen des mystischen ecuadorianischen Tieflandregenwaldes, der laut Wissenschaftlern eine der weltweit hoechsten Biodiversitaetsraten aufweist.
Unsere Vorfreude wurde auf der dreistuendigen Busfahrt erstmal tuechtig auf die Probe gestellt. Direkt Richtung Sueden ging’s auf der ‚Via Auca‘; eine Strasse, die vor nur wenigen Jahrzehnten ausschliesslich aus einem Grund gebaut wurde: Zur Ausbeutung der reichlichen Erdoelvorkommen. Das Oel wurde in den 70er- und 80er-Jahren vornehmlich an die US-amerikanischen Multis Texaco und Chevron verscherbelt, welche sich vor allem durch ihre ruecksichtslose Vorgehensweise der Erdoelfoerderung hervortaten. Ja, die beste Bezeichnung waere wohl ‚ohne Ruecksicht auf Verluste‘. Ihr derzeitiger Ruf in Ecuador kann verglichen werden mit jenem, den Daniel Vasella momentan in der Schweiz ‚geniesst’… Chevron wurde zur Zahlung von 19 Milliarden Dollar verurteilt, welche an die geschaedigten Einheimischen und zur Reinigung der grossflaechigen Verschmutzungen verwendet werden sollten. Der Konzern versucht nun mit allerlei juristischer Tricks diesem Urteil zu entgehen, doch die internationalen Aktivisten sind ihm auf den Fersen (Chevron: You can run but you can’t hide). Schwer zu sagen, wie das schlussendlich ausgeht… Was sicher ist: Kein einziger der Krebskranken, die wegen der chemischen Verschmutzung leiden, kann mit diesem Geld geheilt werden…

Die ‚Via Auca‘ wurde uebrigens mitten in das Territorium der Huaorani hineingebaut, eine im Regenwald heimische Ethnie von Jaegern und Sammlern. Die staunten nicht schlecht, als sich entlang der Strasse ploetzlich viele neue Bauern ansiedelten und begannen den Wald zu roden. Und das alles ganz legal und unterstuetzt vom ecuadorianischen Staat.

Zurueck zu unserer Reise: Auf dem Weg verlangten dann die Militaers bei einem Checkpoint ploetzlich noch die Gelbfieber-Impfzertifikate des Fuehrers und aller Touristen. Dieses konnten jedoch nur zwei von sieben Touristen vorzeigen, schliesslich wurde auch nirgends vorgewarnt, dass wir das mitnehmen sollten. Naja, Hauptsache die Soldaten am Checkpoint verdienen ein kleines Suemmchen dabei…

Der Rest der Hinreise verlief dann ziemlich ereignislos: Als wir das motorisierte Kanu (ohne Dach) fuer die 4.5-stuendige Reise zum Camp bestiegen, begann es ploetzlich wie aus Kuebeln zu giessen und das hoerte dann nicht mehr auf, bis wir dort ankamen. Zusammen mit dem Fahrtwind eine ziemlich unangenehme Situation, vor allem wenn man keinen passenden Regenschutz dabei hat… Elisabeth und Marco blieben dank frisch erworbener Regenschirme und Hightech-Jacken vollstaendig trocken, waehrend Priscila und ich voellig durchnaesst und vor Kaelte zittternd bei den Unterkunftshuetten ankamen. Die Fahrt hatte sich fuer uns endlos lang angefuehlt. Man sieht nie weiter als 100m auf dem Fluss Shiripuno, welcher sich in engen Serpentinen durch den Yasuní-Nationalpark schlaengelt. Aufgrund des heftigen Regens waren keine Voegel und auch kaum sonstige Tiere zu beobachten. Zweimal hatten wir jedoch Glueck: Ein aufgeschreckter Kaiman (die suedamerikanische Ausgabe des Krokodils) schwamm hektisch Richtung Flussufer und einmal sahen wir an einem gruenen Uferstreifen mehrere Capybaras umherstreifen. Die bekommt man sonst ziemlich selten zu Gesicht…

Die Tage im Camp verbrachten wir mit Fluss-Ausfluegen auf dem Motorkanu und Maerschen durch den Regenwald an verschiedenen Tag- und Nachtzeiten. Die Fuelle an faszinierenden Tieren und Pflanzen, die wir dabei zu Gesicht bekamen, war beeindruckend. Betreffend die grossen Saeugetiere (Tapir, Jaguar, Ozelot, Rehe, Hirsche, Wildschweine etc.) mussten wir uns meistens mit Huf- oder Urinspuren, Fotos aus den Kamerafallen oder in seltenen Faellen mit seltsamen Geraeuschen und einem Zu-Gesichtbekommen fuer Sekundenbruchteile begnuegen.
Die Voegel zum Beispiel sind einer Beobachtung weitaus zugaenglicher: Farbenfrohe Tukane und vom Aussterben bedrohte Papageie (Guacamayos), die kauzigen Hoatzins – Wiederkaeuer, die seit der Jurazeit auf Erden sind -, verschiedene Urwaldspechte, kleine tanzende Voegel usw. Was man da alles sehen kann nur innerhalb weniger hundert Meter, unglaublich. Beim Piranha-Fischen waren wir dann etwas weniger erfolgreich, es bissen immer irgendwelche andere, weniger schmackhafte Fische an. Ich hatte dann mal einen an der Leine, der befreite sich aber geschickt wieder.
Erstaunlicherweise sah ich waehrend der vier Tage keine Stabheuschrecke. Dafuer viele andere… Dann auch: Pfeilgiftfroesche, Kroeten, grosse Giftspinnen, Raupen, Schmetterlinge (allen voran der schimmerblaue Morpho) und auf dem Weg zurueck schmuggelte sich eine kleine Tarantel ins Kanu. Die Aufzaehlung ist natuerlich nicht abschliessend.

Nach vier gleichermassen erhol- und unterhaltsamen Tagen wurde es Zeit, den Weg zurueck in die Zivilisation zu gehen. Besser gesagt: Zuerst in die Halbzivilisation, naemlich eine kleine Siedlung von sesshaften Huoaranis zwei Stunden flussaufwaerts. Dort kann man noch eine der letzten originalgetreuen Huoaranihuetten bestaunen, gebaut nach traditionellem Wissen aus Aesten, Staemmen und Blaetterwerk. Die Generation, die noch weiss wie das geht (die letzten, die noch die alten Zeiten erlebten, bevor die Huoarani sesshaft wurden), naehert sich schon bald den 70 Altersjahren. Die Jungen lernen halt nicht mehr wie das geht, mal abgesehen von den Splittergruppen der Huoarani-Ethnie, den Taromenane und Tagaeri, doch dazu spaeter. So ein ‚Haus‘ wurde drei bis vier Jahre bewohnt und bevor es zerfiel zogen die Huoarani weiter in ein neues Jagd- und Sammelrevier.
Dann durften wir noch die Curare-Blasrohre ausprobieren (sh. Fotos).
Der Besitzer des Camps gab uns dann auf Englisch (damit die Huaorani auch nichts verstehen) noch ein paar Auskuenfte. Anscheinend sei die groesste Gefahr fuer die Flora und Fauna des Yasuní nicht die Oelfirmen, weder die illegalen Holzfaeller, sondern die Huoarani selbst: Sie vermehrten sich in einem halben Jahrhundert von rund 500 auf nun 5000, der ‚Lebensstandard‘ stieg an und man bekriegte sich nicht mehr so sehr bis aufs Blut wie frueher. Nur die Huaorani wissen, wo die Tiere zu holen sind und wie man sie jagt.
Ich selbst bin jedoch immer noch ueberzeugt, dass die Oelfoerderung schlimmer ist. Wegen ihr werden neue Strassen gebaut direkt in den Nationalpark. Sobald eine Strasse da ist, ist das Gebiet sehr viel besser zugaenglich. Folge: Holzfaeller kommen, und dann siedeln sich entlang der Strasse Bauern an, welche das Gebiet roden und anpflanzen, was dort wachsen kann. (Das Angebot ist auf dem kargen Regenwaldboden extrem limitiert und haelt ohne Duenger nicht lange.) So verschwindet der unberuehrte Regenwald nach und nach, das gleiche geschieht in Brasilien noch in viel groesserem Masse. Nicht wegen Oel, doch zum Beispiel um Soya fuer unsere Kuehe anzubauen. Was uebrig bleibt, ist Verschmutzung, primitive Monokulturen und karges Land, das ’nie‘ mehr wieder echter Regenwald wird (ausser man forstet auf). Zynischerweise koennte man behaupten, die Erde leide an Lungenkrebs. Das Amazonasgebiet wird gerechterweise als ‚Lunge der Erde‘ bezeichnet, denn es bindet Kohlendioxid in den Baeumen und gibt Sauerstoff frei, dient somit als Klima-Stabilisator.

Der Druck auf die Taromenane und die Tagaeri, die letzten noch unkontaktierten Voelker im Regenwald Ecuadors, waechst stetig. Laerm, Abholzung, Oelfoerderung und Verschmutzung sind die Probleme, welche auch bis zu ihnen dringen und ihnen Sorgen machen. Dabei wollen sie nur im Einklang mit ihrer Umwelt im Regenwald leben, wie das schon ihre Urururgrosseltern gemacht haben. Als jagende und sammelnde Nomaden.
Ein Vorfall vor einer Woche machte Aufsehen: Eine Gruppe Taromenane toetete mit Lanzen von den Baeumen herab auf brutale Weise ein aelteres Huoarani-Ehepaar, das von ihrer Siedlung aus auf Futtersuche war. Die Taromenane waren offensichtlich nicht zufrieden damit, wie die Huoarani-Aelteren mit den Problemen umgingen, die die Erdoelfoerderung mit sich brachte (Laerm, Verschmutzung, Abholzung). Sie waren machtlos dagegen, doch die Taromenane wollten das nicht akzeptieren. Spannungen zwischen den verschiedenen Clans – die alle zur Ethnie ‚Huaorani‘ gehoeren – existieren seit Jahrzehnten und waren fuer die Eskalation ebenfalls ausschlaggebend. Nun geht die Sorge um, dass der Vorfall von den Behoerden als Vorwand missbraucht wird, gezwungenen Kontakt zu den versteckten Urwaldvoelkern herzustellen, um die Unkontaktierten zu kontaktieren und zu ‚zivilisieren‘.
NGOs und Menschenrechtler sind dagegen, schliesslich bedeutete eine Kontaktierung und Sesshaftmachung der Voelker die perfekte Vorbereitung fuer die weitere Ausbeutung des Naturparadieses Yasuní. Sie fordern daher als einzige Loesung der gravierenden Probleme: Rueckzug! Die Leute in Ruhe lassen! So einfach ist es natuerlich nicht, aber schoen waer’s, wenn diese Region fuer nachfolgende Generationen erhalten bleiben wuerde. Schoen waer’s… doch scheinbar blind schreitet die Menschheit voran, will immer mehr, mehr Wachstum, mehr Energie, mehr Essen usw. Doch niemand sagt endlich ‚Stop!‘, es gibt keine oberste Kontrollbehoerde. Also geht es vorlaeufig weiter wie bisher, bis…   ja, bis was?? Niemand weiss das so genau, doch wenn wir so weitermachen, wird die Geschichte ein boeses Ende nehmen.

Naehere Informationen zum toetlichen Angriff im Yasuní:Englisch-sprachige Zusammenfassung
TV-Beitrag mit Aufnahmen der Attacke – nichts fuer schwache Nerven!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Advertisements