Heute: Erfrischung statt Mattscheibe!

Regenzeit in La Paz ist nicht so cool. Diverse Wander- und Bergsteigvarianten, sogar der sonst gut machbare Sechstausender Huayna Potosí, werden so verunmoeglicht. Die Stadt und Umgebung sind trotzdem eine Betrachtung wert…
Relativ muehsam gestaltete sich schon die normalerweise 12-stuendige naechtliche Busfahrt von Sucre nach La Paz. Meine traditionell gekleidete, ca. 40-jaehrige bolivianische Sitznachbarin entpuppte sich relativ bald als ausgebackene Taschendiebin. Ploetzlich hatte ich ganz zufaellig eine Hand ziemlich nahe an der Hosentaschenoeffnung auf dem linken Oberschenkel, als wir beide ’schliefen‘. Ein kurzer Blick in ihre Richtung genuegte, diese Hand wieder zurueck an ihren angestammten Ort zu bewegen. Als ich mich dann auf dem schraegen, zum Schlafen einladenden Sitz auf die Seite legte, ging es nicht lang, bis ich besagte Hand an der sich am Hintern befindenden Hosentasche spuerte. Dort hatte ich natuerlich weder Geld, noch Kreditkarte, noch eine Kamera gelagert. Nur einen Stadtplan von Sucre… Denn ich hatte schon in Argentinien meine Anti-Bestohlenwerden-Strategie perfektioniert: Alle Wertsachen werden vor der Busfahrt in die Taschen meiner Regenjacke eingeschlossen. Die Regenjacke wird dann in eine kleine Netztasche gestopft. Diese wiederum wird oben durch einen Knoten verschlossen und um den Hals geschlungen. Zu guter Letzt zieh‘ ich meinen Faserpelz an, ziehe dessen Bauchpartie ueber das ganze Paecklein und lege im Schlaf meine Arme darueber. Challenge: So soll mich mal jemand bestehlen!
Um fuenf Uhr morgens stand der Bus dann ploetzlich still. Eine Panne, die sich gewaschen hat: Geschlagene 3.5 Stunden steckten wir inmitten der Autostrasse auf der bolivianischen Hochebene fest, bis das Leck gefunden und verschlossen war. Laut Aussage des Busfahrer wurde der Bus bis anhin schlecht oder gar nicht gewartet. Es war eine alte Occasions-Schwarte, die in den Neunzigerjahren noch in Brasilien benutzt wurde, soweit die portugiesich-lautenden Aufkleber schliessen liessen…
In La Paz konnte ich mich zunaechst nicht wirklich anfreunden mit dem Hostel voller Gringos. Mit der Zeit ging es jedoch besser, vor allem als ich den Schweizer Freund wieder traf, der Sucre einen Tag vor mir verlassen hatte. Zu dieser Zeit hatte ich in der Innenstadt schon die ultimative Gringo-Aktivitaet fuer den naechsten Tag gebucht: Eine Downhill-Mountainbikefahrt auf der sogenannten ‚death road‘, oder ‚gefaehrlichste Strasse der Welt‘. Es war auf jeden Fall ein Erlebnis, trotz anfaenglichem Dauerregen: 62km Abfahrt, waehrend welcher gut 3500 Hoehenmeter abwaerts bewaeltigt wurden, groesstenteils auf einer schlecht befestigten Schotterstrasse aus den 1920er-Jahren. Von der unfruchtbaren Andensteppe runter bis in den spriessenden Regenwald auf 1200 m ue. M. Die Strasse wird heutzutage vorwiegend von Touristen wie mir benutzt, denn seit 2006 ist eine neue, parallel verlaufende asphaltierte Strasse in Betrieb.

Ein paar Spaziergaenge in Zentrum und Umgebung praesentierten mir La Paz als eine – im Vergleich zu anderen suedamerikanischen Grossstaedten (La Paz hat ca. 7 Mio. Einwohner und liegt auf 3600 m. ue. M.) – ziemlich einladende Stadt. Dasselbe kann von der noch groesseren Stadt El Alto, oberhalb von La Paz auf einer Hochebene liegend, nicht behauptet werden. Armut und Elend scheinen dort ‚Trumpf‘ zu sein. Hohe Kriminalitaet, trostlose Strassen und eine aufs Ueberleben ausgerichtete Wirtschaftsweise machen El Alto fuer den Touristen kaum einladend. Kulturelles scheint nicht zu existieren. An vielen Strassenmasten haengen lebensgrosse Puppen, die einen gelynchten Kriminellen darstellen sollen. EL SOSPECHOSO SERA GOLPEADO steht dazu, zu uebersetzen mit ‚der Verdaechtigte wird gehaengt‘. Seit einem Beschluss des bolivianischen Volkes ist traditionelle, urspruenglich von Indio-Staemmen ausgeuebte Justiz in Bolivien wieder offiziell erlaubt. Dass in der Grossstadt El Alto diese jedoch ausserhalb jeglichen Stammeskontextes ebenfalls ausgeuebt wird, war wohl nicht der Sinn dieses Beschlusses, ist angesichts der vorwiegend indigenen Bevoelkerung und des Mangels an polizeilicher Gewalt jedoch nachvollziehbar. Mehr dazu findet ihr hier.

Von La Paz aus ging es dann – wieder mit Schweizer Begleitung nach – Copacabana am Titicacasee. Der Titicacasee (3800m ue. M.) ist mit 9000km2 Flaeche gleichzeitig der groesste See Suedamerikas und der hoechste schiffbare See der Erde. Lange hielten wir es in Copacabana (der beruehmte Strand in Brasilien ist uebrigens danach benannt, nicht umgekehrt) nicht aus. Auf die Isla del Sol (Sonneninsel) sollte es gehen am Vormittag des 31. Dezembers 2012. Die Isla del Sol ist Schauplatz des Schoepfungsmythos des alten Inkavolkes, und es ist sehr leicht nachzuvollziehen warum. Die Kultur- und Naturlandschaft praesentiert sich wunderschoen mit gepflegten Ackerterrassen, herrlichen  Sandstraenden und wohlgeformten Steinhuegeln. Ja, auch auf 3800 Metern ueber Meer laesst es sich am Nachmittag gemuetlich baden ohne zu frieren. Solange die Sonne scheint, sollte man anfuegen…
Den Silvesterabend, nach einer siebenstuendigen Wanderung ueber die ganze Insel und einem ziemlich deftigen und kalten Gewitter, verbrachten wir zwei Schweizer in der gemuetlichen Gesellschaft zweier netter Peruanerinnen aus Lima und Cajamarca (<- das fuers Protokoll). Als anschliessend verschiedene Musikstile aus den Andenlaendern gespielt wurden, wuessten diese fuer jeden Rhythmus mit einem passenden Tanzstil zu antworten. Wir Westeuropaer standen dabei eher bewegungs- und ratlos daneben, was uns aber niemand uebel nahm. (Liebe Schweizer: langweilig zu sein ist unser Ruf in der Welt!)
Am 1. Januar nahmen wir es gemuetlich und blieben nochmals eine Nacht auf der Insel, weil es uns so gut gefiel. An diesem zweiten Tag spielte das Wetter leider nicht mehr so gut mit. Dafuer durften wir uns angesichts des Verhaltens zweier deutscher Maedels – welche trotz klarster Wegfuehrung an den falschen Bootshafen sich verliefen – wieder mal richtig intelligent fuehlen…

Zurueck von der Insel – das war erst gestern! – kaufte ich in Copacabana ein paar folklorische Souvenirstuecke und wechselte darauf meine letzten Bolivianos in peruanische Soles. Wir nahmen den Bus nach Peru, genauer gesagt Puno. Die durch Zeitverschiebung gewonnene Stunde verloren wir alsgleich wieder an der bolivianisch-peruanischen Grenze mit dem Warten auf ein paar scheinbar bedeutungslose Stempel in unseren roten Paessen. Puno machte uns einen ziemlich oeden Eindruck, weshalb wir die Reise ungebremst fortsetzten. Das Busunternehmen organisierte uns einen Fuehrer fuer die groesste Touristenattraktion auf dem Titicacasee nahe an der peruanischen Kleinstadt: die schwebenden Inseln (islas flotantes). Eine Viertelstunde fuhren wir mit dem Boot hinaus auf den See durch dicht bewachsene Schilfgebiete. Apropos Schilf: Mit ebendiesem stellen die dort wohnhaften Aymara-Leute ihre auf dem Wasser schwebenden Inseln her. Schicht fuer Schicht wird auf die dicke Wurzelschicht aufgetragen, bis man darauf rumlaufen und Haeuser bauen kann. Festgemacht wird die Insel dann mit Seilen an ein paar halbbefestigte Staemme.
Wie entstand so eine ungesunde Lebensform? (Rheuma und Asthma sind unter den Bewohnern weit verbreitet; durch die hohe Luftfeuchtigkeit und Kaelte auf den fliessenden Inseln.) Antwort: Als die Inka Anfang des 16.Jh. das Kuestengebiet eroberten, wichen die Aymara mit ihren Booten auf den See aus. Diese wurden alsbald zusammengebunden (Familien und Grossfamilien), worauf nach und nach die islas flotantes entstanden. Ironie der Geschichte: Nur wenige Jahrzehnte spaeter erreichten die Spanier das Gebiet und ermordeten den letzten Inka-Herrscher. Vielleicht waere es den ’schwebenden‘ Aymara auch nicht anders ergangen, waeren sie nicht wenig frueher von den Inka gefluechtet…

Zurueck von diesem kleinen Ausflug hatten wir noch kurz Zeit, im ansehnlichen Stadtzentrum Punos einen Happen zu essen, bevor wir zurueck zum Busterminal gingen und den Nachtbus (immer wieder und wieder…) nach Cusco bestiegen. Cusco ist die ehemalige Hauptstadt des ehemals riesigen, sich ueber grosse Teile Suedamerikas erstreckenden Reiches der Inka. Es ist auch jetzt noch sehr eindruecklich, obwohl die aus Inkazeiten stammenden Ruinen und Gebauede von den kolonialen Gebilden und Kirchen mittlerweile ums ca. Zehnfache ueberragt werden. Sehr schoen finde ich die Inkamauern, welche aus riesigen Steinbloecken bestehen, welche haargenau aufeinander abgestimmt zugehauen wurden. Moertel oder Aehnliches wurde meines Wissens nicht verwendet… wie haben die das wohl gemacht?
Diese Frage wird mich bald wieder umtreiben, naemlich in Machu Picchu! Heute haben wir unser Eintrittsticket fuer den 7. Januar gekauft, welches zugegebenermassen nicht ganz billig war. Dafuer sparen wir bei der Hinfahrt ein bisschen Geld; wir gehen naemlich per Downhill-Mountainbiking. Diesmal wird es von 4700m ue. M. auf ca. 1200m gehen. Das wird hoffentlich wieder ein Riesenspass. Die restliche Strecke nach Machu Picchu muss dann mehr oder weniger gewandert werden (ca. fuenf Stunden). Schon wieder viel Aktivitaet an der frischen Luft – so gefaellt’s mir! Sich dauernd in Staedten, in der Blase auslaendischer Reisender oder im virtuellen Netz zu bewegen, kann naemlich ziemlich matt machen.

Ich jedenfalls hoffe, dass ihr nach dem Lesen dieses Eintrages und dem Bilderanschauen keine Mattscheibe habt, sondern erfrischt und mit neuem, unglaublich wichtigem Wissen bestueckt wieder euren alltaeglichen Aufgaben des Jahres 2013 nachgeht. In diesem Sinne: Guets Neuis!

Advertisements