Lange unterwegs, im Sueden

Die Zeit geht schnell um! Ich bin gerade ein bisschen erschrocken, als ich vorhin feststellte, dass ich schon seit 24 Tagen in Chile und Argentinien rumtingle. Die riesigen Distanzen in diesen beiden Laendern sorgen dafuer, dass ich ein Grossteil dieser Zeit in Transportmitteln verbrachte: Vier Tage auf einer Faehre nach Patagonien und etliche Tage (und vor allem Naechte) in Bussen. Busfahrten von 10-30 Stunden sind hier keine Ausnahme, wenn man etwas vorwaerts kommen will. Ich kann es mir hier nicht mehr – wie noch in Kolumbien – leisten, von der einen zur naechsten Stadt zu reisen und ueberall mehrere Tage zu verbringen. Einerseits ist auch meine Reisezeit nicht unendlich (auch wenn das einige vielleicht meinen…), andererseits sind in diesen zwei suedlichsten Laendern Suedamerikas die Preise ziemlich gepfeffert. Eine Busfahrt von 2000km kostet umgerechnet schnell 150 CHF oder mehr.
Da bin ich froh, auf die Gastfreundlichkeit der Einheimischen zum Uebernachten zaehlen zu koennen, oder auch von Mitreisenden, die mir ihr Zelt zum Schlafen zur Verfuegung stellen.

In den letzten zwei bis drei Wochen habe ich ein paar Highlights in Patagonien abgeklappert. Nach der angenehmen, aber wenig aufregenden Hauptstadt Santiago de Chile verbrachte ich zwei weitere Tage in Valdivia und einen in Puerto Varas. Dann ging es mit einer passagierfaehigen Faehre (die Einheimischen nennen es auch ‚Gringoboot‘) in vier Tagen durch die patagonischen Fjorde bis nach Puerto Natales. Wir sahen Wale, Delfine, viele Voegel und sonstiges Meeresgetier, dazu die vergletscherten Berge von weitem und sogar ein kalbender Gletscher von nahem (der Kapitaen nahm dafuer extra einen kleinen Umweg in Kauf). Das war auf jeden Fall eine lohnende Erfahrung. Eindruecklich waren auch die Besuche auf der Bruecke des Schiffes, welche fuer Passagiere fast jederzeit offen war. Da konnte man dem Kapitaen und seinen Matrosen von nahem bei der Arbeit zuschauen und staunen. Trotz aller moeglichen modernen Instrumente und Geraete werden weiterhin gedruckte Land- und Seekarten, Zirkel und Bleistift zur Hilfe genommen. Ausserdem war der Kapitaen ein absoluter Enthusiast und antwortete einem bereitwillig alle moeglichen Fragen zu seiner Arbeit und darueber hinaus.
Am letzten Tag, als wir eigentlich am Zielhafen anlegen sollte, zog ein richtig starker antarktischer Sturm auf, mit Windspitzen ueber 120 km/h. Das Schiff stellte sich da schon unangenehm schraeg, und als es daran ging den Kahn durch eine 80m breite See-Enge zu zirkeln, wurde es heikel und somit die Bruecke fuer Passagiere geschlossen. In Puerto Natales fehlte dann wegen des Sturms die Anlegebewillgung weshalb wir einen weiteren halben Tag und eine Nacht wartend auf dem Schiff verbrachten. War aber trotzdem angenehm, schliesslich bekamen wir weiterhin zu Essen und zu Trinken.
Ach ja, Fotos von der Schiffsreise gibt es keine, ich goennte meinem rechten Zeigefinger eine Erholungspause. (Beziehungsweise ich verlor das Aufladekabel, wofuer ich noch immer keinen Ersatz gefunden habe…)

Da man sich in vier Tagen auf dem Schiff kaum vor den anderen Passagieren verstecken kann, schliffen alle eifrig an Plaenen, um den beruehmtesten Nationalpark Patagoniens zu besuchen, den Torres del Paine. Ich mischte dabei auch munter mit und so bildete sich eine kleine Gruppe. Ein 60-jaehriger Deutscher (der mir ein Platz in seinem Zelt zur Verfuegung stellte), ein ueber 50-jaehriger Australier, eine ca. 40-jaehrige Oesterreicherin, ein 30-jaehriger Ami aus Alaska, und… ich. Kaum in Puerto Natales angekommen, wurde Essen eingekauft, fehlende Ausruestung besorgt, Karten und Busfahrplaene studiert. Einen Tag spaeter ging es los: Der Plan war im Kern, den Nationalpark in ca. acht Tagen mehr oder weniger zu umrunden. Dafuer musste eine grosse Menge Nahrung eingekauft werden, was den Rucksack entsprechend schwerer machte. Dazu trug ich drei Bierdosen mit, was sich spaeter wohl als Fehler herausstellen sollte, sowie etwas zu viele Klamotten.
Der erste Tag ging noch einigermassen gut, obwohl der Rucksack drueckte und viele Hoehenmeter ueberwunden werden mussten. Am zweiten mussten mir dann vom Campingplatz wieder ins Tal runter und schon… hatte ich eine Entzuendung am Knie. Vieleicht war das Gewicht zu viel, vielleicht waren meine Muskeln zu wenig trainiert (oder beides) oder es war einfach Pech. Jedenfalls quaelte ich mich in den darauffolgenden zwei Tagen (unterstuetzt von Voltarencreme und Schmerzpillen) zu weiteren Campingplaetzen, wo ich schlussendlich die Tour abbrach. Bis zu einer Huette am See ging es noch, dort trank ich zum Trost ein paar Pisco Sour (das Nationalgetraenk Chiles) und ging per Boot und Bus zurueck nach P. Natales. Ich war uebrigens nicht der erste, der die Gruppe verliess: der Alaskaner verduftete schon am ersten Abend ziemlich stillos und der Australier gab am zweiten Tag auf. Trotzdem wars wunderschoen (siehe Fotos) und anstatt zu resignieren widmete ich den weiteren Reiseplaenen: nach Argentinien sollte es gehen!
Das naechste Riesenhighlight lag naemlich gleich um die Ecke: Laecherliche fuenf Stunden Busfahrt trennten mich von El Calafate im argentinischen Patagonien, wo ich das Lager aufschlug. Am Tag darauf ging es in zwei Stunden Busfahrt (noch laecherlicher) zum majestaetischen Perito Moreno – Gletscher, einer der ganz wenigen weltweit, die immer noch wachsen und die Wissenschaftler vor Raetsel stellen. (Die globale Erwaermung laesst sich dadurch jedoch in keiner Weise herunterspielen, sie zeichnet sich naemlich weiterhin in haarstraeubender Geschwindigkeit ab.)
Zurueck zum Gletscher: Man kann sich stundenlang blendend damit unterhalten, in sicherer Distanz zu ihm hin und her zu gehen, ihn zu betrachten, zu bewundern oder anzubeten (was auch immer…). Im Minutentakt fallen kleinere oder groessere Eisbloecke hinunter, es knackt und kracht staendig.
Ein starker Strom verbindet die linke mit der rechten Seite des Gletschersees. Dieser fliesst unter engen Gletscherbruecken hindurch, welche mit der Zeit immer groesser werden. Der Gletscher stoesst weiter vor und schlussendlich brechen die Bruecken zusammen, das passiert alle paar Jahre und zieht jeweils tausende Touristen an. Dann werden die zwei See-Seiten wieder durch den Gletscher getrennt und das Wasser steigt auf der einen Seite um Dutzende Meter an, bis der Druck zu hoch wird und von Neuem Tunnels durchgebrochen werden. Das ganze ist also zyklisch und wiederholt sich alle paar Jahre. Bis der Gletscher vielleicht nicht mehr vorstoesst… Mehr Infos dazu gibt es hier:

In meinem Hostel gab es am Abend argentinische Grillade, was den Tag natuerlich wunderbar abrundete. Wegen meiner fortbestehenden Knie-Entzuendung (wird noch ’ne Weile sein), entschied ich mich, aus dem suedlichen und wanderfreundlichen Patagonien zu verabschieden und Richtung noerdliches Patagonien zu ‚bussen‘.
Bariloche: Kleinstaedtchen, ziemlich touristisch, liegt mitten in einem Nationalpark. Und wieder hatte ich Wetterglueck. Zwei wunderschoene Tage mit genialen Aussichten. Die Region erinnert mit ihren vielen Seen, Waeldern, Bergen und Gletschern sehr an die Schweiz, darum erstaunt es nicht, dass viele Schweizer Fluechtlinge (ja, das gab’s !) sich im 19. Jahrhundert da niederliessen. Vielleicht ist es sogar schoener als die Schweiz, doch da scheiden sich die Gemueter… Beweisfotos gibt es leider noch keine, da meine Kamera wie schon erwaehnt ohne Batterie bleibt.

Seit heute frueh bin ich nun in Mendoza so nahe an den riesigen Gebirgen der Anden und doch so weit entfernt, da ich mit meinem laedierten Knie wohl in der Stadt bleiben werde.
Ihr hoert bald wieder von mir! Tschuess

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