Chronik einer Vergiftung

Zur Aufloesung moeglicher Verwirrung, und damit das auch dokumentiert ist, hier eine kurze Zusammenfassung der Krankheit, welche ich im feuchten Osten Ecuadors aufgelesen hatte:

Als wir zurueck vom Yasuní waren, machten wir einen dreistuendigen Zwischenhalt in Coca, bevor wir den Rueckweg nach Cuenca (ueber Tena) antreten sollten. Waehrend dieser Zeit ass ich den verhaengnisvollen, gerade mal geniessbaren Hamburger eines Fastfood-Restaurants (keine der einschlaegig bekannten Ketten). Man muss mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das Fleisch dieses Hamburgers verdorben war.
Davon wussten wir zu der Zeit natuerlich noch nichts. In Tena quartierten wir uns fuer eine Nacht ein, bevor es am darauffolgenden Tag zurueck nach Cuenca gehen sollte. In der Nacht bekam ich ploetzlich Fieber und Kopfschmerzen. Ich nahm ein Dafalgan und am Morgen ging es mir wieder besser. Schon waehrend des Vormittags plagten mich dann aber Schwaechegefuehle, wieder Fieber und Kopfschmerzen. Wir beschlossen Bettruhe als Therapie, d.h. eine weitere Nacht in Tena zu bleiben. Schon am Abend hatte ich dann aber 39.7 Grad Fieber. Wir mussten zum Arzt. Er checkte meine Symptome, mass nochmals Fieber (39.9) und stellte nach einem Bluttest seine Diagnose: Denguefieber, eine Tropenkrankheit, wo man sich die ersten 4-5 Tage miserabel fuehlt und nach 8-12 Tagen der ganze Spuk normalerweise glimpflich vorbei geht. Dengue kann man aber erst nach vier Tagen Krankheit definitiv im Blut nachweisen. Aufgrund seiner Erfahrung glaubten wir seiner Diagnose. Zu meiner Begeisterung erhielt ich eine fiebersenkende Spritze, die mich fuer fuenf Stunden von den schlimmsten Symptomen befreite.
Appetit hatte ich keinen und mein Magen reagierte auf die meisten Lebensmittel mit Rueckgabe. Wir entschieden, dass ich zwecks besserer Behandlung und Krankheitsverlauf am naechsten Tag in eine groessere Stadt Ecuadors reisen sollte. Gesagt, getan: Schnellbus nach Quito (3h), von dort Flug nach Cuenca (1h). Zuvor ging ich in Tena nochmals zum Arzt, um eine fiebersenkende Spritze zu holen. Er warnte uns, dass das die letzte Spritze dieser Arzt sei, sonst bekaeme ich noch einen lebensgefaehrlichen haemorrhagischen Verlauf mit Blutungen. Leider liess die Wirkung schon im Flugzeug nach, die Reise war so ein Horror.

Da ich in Cuenca dann Ibuprofen (kann ebenfalls Blutungen verursachen) mit Dafalgan verwechselte, sank das Fieber so stark, dass ich gar nicht mehr glaubwuerdig in die Notfallaufnahme einer Klinik konnte. Wir warteten also bis zum naechsten Tag, bis das Fieber erwartungsgemaess wieder gestiegen war. Die Notaufnahme war nicht sehr angenehm, nach der Untersuchung musste ich mehr als eine Stunde auf dem ‚Schragen‘ warten, bis ich Schmerzlinderung erhielt und in ein Zimmer interniert wurde. Diagnose: Typhus. Das stimmte mich schon von Anfang an skeptisch, schliesslich war ich gegen Typhus geimpft. Auf alle Faelle: Kein Dengue.
Diese Diagnose war aber keine Erleichterung. Ich sprach nicht auf die Antibiotika gegen Typhus an und mit jeder Stunde ging es mir miserabler. Zur Bestaetigung der Diagnose wurde mir regelmaessig Blut entnommen. Am Samstag (vierter Tag der Krankheit) ging es mir dann schon so schlecht, dass ich mich mehr tot als lebendig fuehlte.
Ausserdem erhielt ich eine neue Diagnose: kein Typhus, sondern ein Virus in Kombination mit einer Gastroenteritis (Magendarmgrippe). Die weissen Blutkoerperchen waren besorgniserregend geschwunden, mein vom Virus geschwaechtes Immunsystem schien nicht faehig, die Krankheit zu besiegen. Der behandelnde Arzt sollte fuenf Tage danach zugeben, dass die Lage in der Tat „sehr gefaehrlich“ war.
Das merkte ich natuerlich auch selbst. Familie in der Schweiz wurde alarmiert und die Rega kontaktiert fuer den Fall, dass es so weiterginge und man mich ‚heimholen‘ muesste. So weit kam es zum Glueck nicht. Auf die neu verordnete Medikation sprach ich sehr gut an und am Sonntag ging es mir schon wieder so gut, dass mir fuer Montag die Entlassung aus dem Spital versprochen wurde. So war es denn auch und ich war froh, diesen ‚grauen Kaefig‘ verlassen zu duerfen. Sie mussten mir naemlich schon Beruhigungsmittel spritzen, da ich mich so eingeengt fuellte und in meinem Zimmer und in der Klinik in Kreisen lief. Ich konnte mich nicht nicht bewegen. So ging das zwei Tage lang, ein furchtbares Gefuehl, so aehnlich stelle ich mir Folter vor. Zum Glueck liess das allmaehlich nach, nachdem ich die Klinik verlassen hatte.

Zusammenfassung:
Laut Arzt hatte ich also einen unbekannten Virus, der meinen Koerper schwaechte. Waehrend dieser Zeit ass ich eine verdorbene Speise, die Salmonellen enthielt, meinen Magendarmtrakt attackierte und das Immunsystem auf die Probe stellte. Daher das Schwinden der weissen Blutkoerperchen. So wie ich es verstand, war das das grosse Problem, die Gefaehrlichkeit der Situation: dass ich andere Infektionen aufgrund der Schwaechung des Immunsystem nicht mehr ueberstehen wuerde. Zum Glueck wurde das aber richtig festgestellt und behandelt.
Grosser Dank gebuehrt den kompetenten Aerzten in Cuenca, natuerlich meiner verstaendnisvollen Familie und vor allem auch der zuverlaessigen Rega. Heute bin ich mehr denn je davon ueberzeugt, dass man in einer Notsituation im Ausland wirklich auf die zaehlen kann (wen man denn Regagoenner ist).

Heute, 2.5 Wochen nach der Lebensmittelvergiftung mit Kompikation, fuehle ich mich wieder bei Kraeften. Grosse koerperliche Anstrengung vertrage ich jedoch noch nicht. Ob der unbekannte Virus vom letzten Mai/Juni bei der ganzen Sache noch eine Rolle spielte, kann ich nicht sagen.

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Dschungel der Ratlosigkeit – Eine Reise ins Amazonastiefland

Warnung: Falls dich dieser Artikel ratlos macht, liegt das vielleicht auch an meinem liederlichen Schreibstil!

Also gingen wir zu viert im Nachtbus nach Tena, wo wir von meinen deutschen Freunden herzlich begruesst wurden. Wir schauten uns das nahegelegene Doerfchen Misahualli ein bisschen genauer an und am Tag darauf gingen wir hoch zu der Wiederaufforstungs-Station im submontanen Regenwald, wo ich letztes Jahr waehrend drei Monaten gearbeitet hatte. Alles in allem war es sehr schoen, meinen Leuten diese Orte zu zeigen, wo noch viele gute Erinnerungen dranhaengen. Es sind halt immer noch viele der gleichen Leute dort (Robby, Jens, Oswaldo, Irma), das Wiedersehen machte einfach Freude und auch festzustellen, dass viele Samen, die waehrend meiner Zeit gesaeet wurden, schon ihre Fruechte tragen. Symbolisch gemeint…Die Station lisan yacu selbst sollte allerdings wieder mehr auf Vordermann gebracht werden, viel Machetenarbeit und Sanierungen warten meiner Meinung nach auf die ankommenden Volontaere. Das Volleyballfeld kann nicht mehr als solches bezeichnet werden, sondern gleicht eher einem liebevoll verwahrlosten, mit Unkraut ueberwachsenem Hobbygarten. Ja, in der ‚gruenen Hoelle‘ erobert sich die Natur ihre Plaetze schneller zurueck, als einem manchmal lieb ist…

Nach dieser kleinen Regenwald-Einfuehrung fuer meine Freunde/Familie waren wir bereit fuer die vierstuendige Ueberfahrt nach Puerto Francisco de Orellana (Coca). Danach blieb uns ein halber Tag, um uns diese Dschungelstadt an den Ufern der Fluesse Napo und Coca anzusehen und festzustellen: Der kulinarische Hoehepunkt besteht im ‚desayuno petrolero‘ (Oelarbeiterfruehstueck): Reis, Fleisch, Brot, Butter, Marmelade, hab ich noch was vergessen? Glaub schon… Doch im Ernst: das einzige geniessbare Essen in Coca ist das Fruehstueck im Hotel Auca, alles andere ist entweder ungeniessbar, geschmacklos oder verdorben. Ayayay es wird mir schon uebel, wenn ich nur wieder daran denke, z.B. an den argentinischen Grillteller im neuen Einkaufszentrum…
Dass falsch gelagertes oder zubereitetes Essen auch ganz schoen gefaehrlich sein kann, dazu spaeter…

Doch jetzt geht’s zuerst in den sagenumwobenen Yasuní-Nationalpark im nordoestlichen Landesteil Ecuadors. Unser Touristenfuehrer aus Quito und der standesgemaesse Chiva-Bus erwarteten uns am folgenden Vormittag puenktlich zum Beginn unseres Ausfluges in die Tiefen des mystischen ecuadorianischen Tieflandregenwaldes, der laut Wissenschaftlern eine der weltweit hoechsten Biodiversitaetsraten aufweist.
Unsere Vorfreude wurde auf der dreistuendigen Busfahrt erstmal tuechtig auf die Probe gestellt. Direkt Richtung Sueden ging’s auf der ‚Via Auca‘; eine Strasse, die vor nur wenigen Jahrzehnten ausschliesslich aus einem Grund gebaut wurde: Zur Ausbeutung der reichlichen Erdoelvorkommen. Das Oel wurde in den 70er- und 80er-Jahren vornehmlich an die US-amerikanischen Multis Texaco und Chevron verscherbelt, welche sich vor allem durch ihre ruecksichtslose Vorgehensweise der Erdoelfoerderung hervortaten. Ja, die beste Bezeichnung waere wohl ‚ohne Ruecksicht auf Verluste‘. Ihr derzeitiger Ruf in Ecuador kann verglichen werden mit jenem, den Daniel Vasella momentan in der Schweiz ‚geniesst’… Chevron wurde zur Zahlung von 19 Milliarden Dollar verurteilt, welche an die geschaedigten Einheimischen und zur Reinigung der grossflaechigen Verschmutzungen verwendet werden sollten. Der Konzern versucht nun mit allerlei juristischer Tricks diesem Urteil zu entgehen, doch die internationalen Aktivisten sind ihm auf den Fersen (Chevron: You can run but you can’t hide). Schwer zu sagen, wie das schlussendlich ausgeht… Was sicher ist: Kein einziger der Krebskranken, die wegen der chemischen Verschmutzung leiden, kann mit diesem Geld geheilt werden…

Die ‚Via Auca‘ wurde uebrigens mitten in das Territorium der Huaorani hineingebaut, eine im Regenwald heimische Ethnie von Jaegern und Sammlern. Die staunten nicht schlecht, als sich entlang der Strasse ploetzlich viele neue Bauern ansiedelten und begannen den Wald zu roden. Und das alles ganz legal und unterstuetzt vom ecuadorianischen Staat.

Zurueck zu unserer Reise: Auf dem Weg verlangten dann die Militaers bei einem Checkpoint ploetzlich noch die Gelbfieber-Impfzertifikate des Fuehrers und aller Touristen. Dieses konnten jedoch nur zwei von sieben Touristen vorzeigen, schliesslich wurde auch nirgends vorgewarnt, dass wir das mitnehmen sollten. Naja, Hauptsache die Soldaten am Checkpoint verdienen ein kleines Suemmchen dabei…

Der Rest der Hinreise verlief dann ziemlich ereignislos: Als wir das motorisierte Kanu (ohne Dach) fuer die 4.5-stuendige Reise zum Camp bestiegen, begann es ploetzlich wie aus Kuebeln zu giessen und das hoerte dann nicht mehr auf, bis wir dort ankamen. Zusammen mit dem Fahrtwind eine ziemlich unangenehme Situation, vor allem wenn man keinen passenden Regenschutz dabei hat… Elisabeth und Marco blieben dank frisch erworbener Regenschirme und Hightech-Jacken vollstaendig trocken, waehrend Priscila und ich voellig durchnaesst und vor Kaelte zittternd bei den Unterkunftshuetten ankamen. Die Fahrt hatte sich fuer uns endlos lang angefuehlt. Man sieht nie weiter als 100m auf dem Fluss Shiripuno, welcher sich in engen Serpentinen durch den Yasuní-Nationalpark schlaengelt. Aufgrund des heftigen Regens waren keine Voegel und auch kaum sonstige Tiere zu beobachten. Zweimal hatten wir jedoch Glueck: Ein aufgeschreckter Kaiman (die suedamerikanische Ausgabe des Krokodils) schwamm hektisch Richtung Flussufer und einmal sahen wir an einem gruenen Uferstreifen mehrere Capybaras umherstreifen. Die bekommt man sonst ziemlich selten zu Gesicht…

Die Tage im Camp verbrachten wir mit Fluss-Ausfluegen auf dem Motorkanu und Maerschen durch den Regenwald an verschiedenen Tag- und Nachtzeiten. Die Fuelle an faszinierenden Tieren und Pflanzen, die wir dabei zu Gesicht bekamen, war beeindruckend. Betreffend die grossen Saeugetiere (Tapir, Jaguar, Ozelot, Rehe, Hirsche, Wildschweine etc.) mussten wir uns meistens mit Huf- oder Urinspuren, Fotos aus den Kamerafallen oder in seltenen Faellen mit seltsamen Geraeuschen und einem Zu-Gesichtbekommen fuer Sekundenbruchteile begnuegen.
Die Voegel zum Beispiel sind einer Beobachtung weitaus zugaenglicher: Farbenfrohe Tukane und vom Aussterben bedrohte Papageie (Guacamayos), die kauzigen Hoatzins – Wiederkaeuer, die seit der Jurazeit auf Erden sind -, verschiedene Urwaldspechte, kleine tanzende Voegel usw. Was man da alles sehen kann nur innerhalb weniger hundert Meter, unglaublich. Beim Piranha-Fischen waren wir dann etwas weniger erfolgreich, es bissen immer irgendwelche andere, weniger schmackhafte Fische an. Ich hatte dann mal einen an der Leine, der befreite sich aber geschickt wieder.
Erstaunlicherweise sah ich waehrend der vier Tage keine Stabheuschrecke. Dafuer viele andere… Dann auch: Pfeilgiftfroesche, Kroeten, grosse Giftspinnen, Raupen, Schmetterlinge (allen voran der schimmerblaue Morpho) und auf dem Weg zurueck schmuggelte sich eine kleine Tarantel ins Kanu. Die Aufzaehlung ist natuerlich nicht abschliessend.

Nach vier gleichermassen erhol- und unterhaltsamen Tagen wurde es Zeit, den Weg zurueck in die Zivilisation zu gehen. Besser gesagt: Zuerst in die Halbzivilisation, naemlich eine kleine Siedlung von sesshaften Huoaranis zwei Stunden flussaufwaerts. Dort kann man noch eine der letzten originalgetreuen Huoaranihuetten bestaunen, gebaut nach traditionellem Wissen aus Aesten, Staemmen und Blaetterwerk. Die Generation, die noch weiss wie das geht (die letzten, die noch die alten Zeiten erlebten, bevor die Huoarani sesshaft wurden), naehert sich schon bald den 70 Altersjahren. Die Jungen lernen halt nicht mehr wie das geht, mal abgesehen von den Splittergruppen der Huoarani-Ethnie, den Taromenane und Tagaeri, doch dazu spaeter. So ein ‚Haus‘ wurde drei bis vier Jahre bewohnt und bevor es zerfiel zogen die Huoarani weiter in ein neues Jagd- und Sammelrevier.
Dann durften wir noch die Curare-Blasrohre ausprobieren (sh. Fotos).
Der Besitzer des Camps gab uns dann auf Englisch (damit die Huaorani auch nichts verstehen) noch ein paar Auskuenfte. Anscheinend sei die groesste Gefahr fuer die Flora und Fauna des Yasuní nicht die Oelfirmen, weder die illegalen Holzfaeller, sondern die Huoarani selbst: Sie vermehrten sich in einem halben Jahrhundert von rund 500 auf nun 5000, der ‚Lebensstandard‘ stieg an und man bekriegte sich nicht mehr so sehr bis aufs Blut wie frueher. Nur die Huaorani wissen, wo die Tiere zu holen sind und wie man sie jagt.
Ich selbst bin jedoch immer noch ueberzeugt, dass die Oelfoerderung schlimmer ist. Wegen ihr werden neue Strassen gebaut direkt in den Nationalpark. Sobald eine Strasse da ist, ist das Gebiet sehr viel besser zugaenglich. Folge: Holzfaeller kommen, und dann siedeln sich entlang der Strasse Bauern an, welche das Gebiet roden und anpflanzen, was dort wachsen kann. (Das Angebot ist auf dem kargen Regenwaldboden extrem limitiert und haelt ohne Duenger nicht lange.) So verschwindet der unberuehrte Regenwald nach und nach, das gleiche geschieht in Brasilien noch in viel groesserem Masse. Nicht wegen Oel, doch zum Beispiel um Soya fuer unsere Kuehe anzubauen. Was uebrig bleibt, ist Verschmutzung, primitive Monokulturen und karges Land, das ’nie‘ mehr wieder echter Regenwald wird (ausser man forstet auf). Zynischerweise koennte man behaupten, die Erde leide an Lungenkrebs. Das Amazonasgebiet wird gerechterweise als ‚Lunge der Erde‘ bezeichnet, denn es bindet Kohlendioxid in den Baeumen und gibt Sauerstoff frei, dient somit als Klima-Stabilisator.

Der Druck auf die Taromenane und die Tagaeri, die letzten noch unkontaktierten Voelker im Regenwald Ecuadors, waechst stetig. Laerm, Abholzung, Oelfoerderung und Verschmutzung sind die Probleme, welche auch bis zu ihnen dringen und ihnen Sorgen machen. Dabei wollen sie nur im Einklang mit ihrer Umwelt im Regenwald leben, wie das schon ihre Urururgrosseltern gemacht haben. Als jagende und sammelnde Nomaden.
Ein Vorfall vor einer Woche machte Aufsehen: Eine Gruppe Taromenane toetete mit Lanzen von den Baeumen herab auf brutale Weise ein aelteres Huoarani-Ehepaar, das von ihrer Siedlung aus auf Futtersuche war. Die Taromenane waren offensichtlich nicht zufrieden damit, wie die Huoarani-Aelteren mit den Problemen umgingen, die die Erdoelfoerderung mit sich brachte (Laerm, Verschmutzung, Abholzung). Sie waren machtlos dagegen, doch die Taromenane wollten das nicht akzeptieren. Spannungen zwischen den verschiedenen Clans – die alle zur Ethnie ‚Huaorani‘ gehoeren – existieren seit Jahrzehnten und waren fuer die Eskalation ebenfalls ausschlaggebend. Nun geht die Sorge um, dass der Vorfall von den Behoerden als Vorwand missbraucht wird, gezwungenen Kontakt zu den versteckten Urwaldvoelkern herzustellen, um die Unkontaktierten zu kontaktieren und zu ‚zivilisieren‘.
NGOs und Menschenrechtler sind dagegen, schliesslich bedeutete eine Kontaktierung und Sesshaftmachung der Voelker die perfekte Vorbereitung fuer die weitere Ausbeutung des Naturparadieses Yasuní. Sie fordern daher als einzige Loesung der gravierenden Probleme: Rueckzug! Die Leute in Ruhe lassen! So einfach ist es natuerlich nicht, aber schoen waer’s, wenn diese Region fuer nachfolgende Generationen erhalten bleiben wuerde. Schoen waer’s… doch scheinbar blind schreitet die Menschheit voran, will immer mehr, mehr Wachstum, mehr Energie, mehr Essen usw. Doch niemand sagt endlich ‚Stop!‘, es gibt keine oberste Kontrollbehoerde. Also geht es vorlaeufig weiter wie bisher, bis…   ja, bis was?? Niemand weiss das so genau, doch wenn wir so weitermachen, wird die Geschichte ein boeses Ende nehmen.

Naehere Informationen zum toetlichen Angriff im Yasuní:Englisch-sprachige Zusammenfassung
TV-Beitrag mit Aufnahmen der Attacke – nichts fuer schwache Nerven!

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Von Incas und Incapaces, ab morgen zu den Huaoranis

Der Ausflug von Cusco nach Machu Picchu war ein kleines schoenes viertaegiges Abenteuer. Noch in Cusco, bevor wir zwei uns in das mitten im ‚heiligen Tal‘ gelegene Inkadorf Ollantaytambo aufmachten, organisierten wir Bustransport und Mountainbikes fuer den naechsten Tag. Am naechsten Vormittag wurden wir dann auf dem kleinen Hauptplatz des gemuetlichen Doerfchens vom Minibus mit den Fahrraedern abgeholt, worin wir uns zu den doesenden Reisegefaehrten sassen, welche schon in Cusco eingestiegen waren. Nun ging es 2-3 Stunden lang nur bergauf, bis wir die Passhoehe des Abra Malaga auf 4300 m.ue.M. erreichten. Trotz Regens waren wir guten Mutes um auf die Zweiraeder umzusatteln, denn immerhin erwartete uns eine vierstuendige Abfahrt auf der anderen Seite des Passes. Vor allem zu Beginn war es noch ziemlich spassig, da man die Serpentinen durch Querfeldein-Fahrten auf Schotter und Wiese abkuerzen konnte. Schon nach ca. 15 Minuten war dies aber leider nicht mehr moeglich und wir mussten uns mit den Mountainbikes an die mehrheitlich gut asphaltierte Strasse halten. 3100 Hoehenmeter am Stueck nach unten wurden ueberwunden; doch das auf einer Wegstrecke von ca. 80 Kilometern. Nach meinen Berechnungen ergibt das ein durchschnittliches Gefaelle von gerade mal knapp vier Prozent. Deshalb musste auf vielen Abschnitten getreten werden, um ein ‚anstaendiges‘ Tempo zu erreichen. Immerhin regnete es weniger, je weiter wir uns dem Ziel Santa Maria naeherten, und in der Haelfte der Strecke hoerte es ganz auf. Die Temperatur steig ebenfalls betraechtlich, weshalb ich mich nach und nach meiner Zwiebel-artig aufgebauten Kleiderschichten entledigte, und die Vegetation wechselte von Páramo, ueber Bergregen- zu Bergnebelwald und schliesslich subtropischer Regenwald. Ein schoenes Naturschutzgebiet! Nur leider war das Rollmaterial alles andere als praechtig, ein Gruppenmitglied stuerzte sogar uebel, als sich der Schlauch des Vorderrades aus dem Pneu loeste und sich der Aussenwelt als Anakonda-artiges Gewulst praesentierte. Zum Glueck wurden uns auf der Passhoehe Rueckenpanzer verabreicht. Er kam relativ glimpflich davon, waehrend die ebenfalls geliehene Regenjacke voellig durchgeschuerft war. Ja, das war wieder mal eine Lektion: Man bekommt halt meistens das, wofuer man bezahlt, und wir hatten uns fuer das billigste aller Angebote entschieden…
Nach einem kurzen Snack am Zielort unserer Abfahrt verabschiedeten sich ich und mein Reisegefaehrte wieder von unseren temporaeren Schiksalsgenossen, liessen die Gruppe hinter uns und machten uns unabhaengig auf den Weiterweg in Richtung Machu Picchu. Ja, so gefaellts uns halt.
Mit dem Kollektivtaxi fuhren wir auf einer Schlammstrasse mit sehr ueberdurchschnittlich hohen Erdrutsch- und Steinschlagsraten (vor allem in der derzeit andauernden Regenzeit) in ca. einer Stunde von Santa Maria ins etwas hoeher (1500m) gelegene Santa Teresa. Einmal musste der Chauffeur sogar selbst Hand anlegen, um ein paar Gesteinsbrocken aus dem Weg zu raeumen…
Santa Teresa ist ein sehr kleines, abgelegens Doerfchen, wo im Prinzip gar nichts passiert. Doch ist es je laenger je beliebter als Durchgangsort fuer Alternativreisende zum Machu Picchu und hat bestimmt noch an Beliebtheit gewonnen, seit die Preise fuer Bahnfahrten auf der angestammten Strecke ins beinahe Unermessliche steigen. Doch dazu spaeter… Jedenfalls konnten wir uns wegen der fuenf Franken nicht beklagen, welche wir fuer die Uebernachtung in einem sauberen modernen Doppelzimmer mit Bad pro Person bezahlten.
Die groesste Attraktion von Santa Teresa ist definitiv das schlicht und schoen gestaltete, grosszuegige Thermalbad, welches einen 30minuetigen Fussmarsch ausserhalb Santa Teresa an eine Felswand angeschmiegt wurde. Wir genossen die Erholung am Abend sehr, sollten doch zwei etwas anstrengendere Tage auf uns warten.
Zunaechst folgte der Fussmarsch nach Aguas Calientes (bzw. Machu Picchu Pueblo). Wir irrten ein bisschen herum, bevor wir nach einer Flussueberquerung dank Haengebrueck(chen) auf der anderen Hangseite wieder den Anschluss an die Schlammstrasse fanden. In zwei Stunden Fussmarsch auf flachen Terrain das Flusstal hinauf erreichten wir ein grosses Wasserpumpkraftwerk, wo wir uns an einer Reception – die ein ausgedienter Container war – als Machupicchureisende registrieren mussten. Von dort aus liefen wir nochmals zwei Stunden (jetzt deutlich angenehmer im Schatten des Waldes) Bahngleisen entlang bis nach Aguas Calientes (‚heisse Wasser‘). Waehrend dieser Wanderung konnten wir schon einen kleinen Vorgeschmack von Machu Picchu erhaschen. Sozusagen die Hinterseite der Ruinenstadt; einige Ruinen und den beruehmten symboltraechtige Huaynu Picchu – Berg konnten wir identifizieren. Angekommen in Aguas Calientes mussten wir aber wehmuetig erkennen: ‚Aaay was ist das fuer eine Touristenhoelle; da halten wir es laenger als einen Tag nicht aus!‘ Der Ort scheint einzig aus Hotels, Hostels, Restaurants, Internet-Cafes, Verkaufsstaenden und der Bahnlinie zu bestehen. Das unterirdische Abendessen, welches aus Alpaka- (ich) und Meerschweinchenfleich (Mario) bestand, gab uns dann noch den Rest. Noch kurz Snacks fuer den naechsten Tag einkaufen und dann ab in die Federn, hiess es. Um vier Uhr morgens standen wir auf, und um fuenf Uhr standen wir rechtzeitig zur Toroeffnung vor dem Eingang zum Fussweg nach Machu Picchu. Ha- das war eine ziemliche Parforceleistung auf dieser Hoehe, die Leute waren nicht aufzuhalten und auch wir liessen uns von der Wettkampfstimmung anstecken: in nicht weniger als 35-40 Minuten bewaeltigten wir die paar hundert Hoehenmeter bis zum Eingangstor der Ruinenstadt, wo wir entsprechend verschwitzt ankamen (sogar vor dem Touristenbus, welcher ebenfalls um 5 Uhr in Aguas Calientes abgefahren war). Es geht also so steil hoch, dass man zu Fuss tatsaechlich den Bus schlagen kann. Wer geht naechstens nach Machu Picchu? Ist doch eine spannende Herausforderung, Mann gegen Technik 😉

Nur unserer Ausdauer war es also zu verdanken (und dass wir nicht in der Gruppe reisten), dass wir zur Oeffnung der Stadtanlage um 6 Uhr unter der ersten Handvoll Personen waren, welche eingelassen wurden. Ich muss sagen, die menschenleere, noch im Morgennebel eingehuellte Machupicchustadt betreten zu duerfen und zu beobachten, wie langsam aber sicher das Sonnenlicht eindringt und den Nebel verscheucht, war fuer mich eine fantastische Erfahrung. Noch nicht muede genug um auszuruhen, lief ich auf einen ‚Aussichtspunkt‘, wo ich einen schlafenden Angestellten vorfand, dessen Funktion anscheinend darin bestand, Touristen den raetselhaften ‚Altar‘ zu erklaeren, der sich dort oben befand. Dies tat er den tatsaechlich fuer mich, nachdem er aufgewacht war, und zufrieden stieg ich wieder zu meinem Freund herunter. Um 6.20 war der ganze Spuk dann vorbei und Machu Picchu war schon von Touristen bevoelkert wie im Sommer ein Kuhfladen von Fliegen. So schnell gehts und fuer uns war’s Zeit, den Massen nochmals ein weiteres Stueck zu entfliehen: Anstehen zum Aufstieg auf den majestaetischen Huayna Picchu, wofuer wir Tage zuvor ein Ticket gekauft hatten. Tueroffnung hier war um 7 Uhr, und wieder ging es steilstens hinauf, diesmal noch etwas steiler. Schweizer wie wir sind, liessen wir uns jedoch von nichts und niemandem einschuechtern und wieselten weitere ca. 250 Hoehenmeter wie Gemsen den Berg hinauf (leichte Uebertreibung). Doch waren wir wieder die Ersten, sogar mit Abstand, und genossen in aller Ruhe die Aussicht runter auf die Ruinen, die Touristen und die unglaublich schoene bergige und urig-waldige Umgebung.
Das war uns aber auch noch nicht zu entfernt, so nahmen wir den Abstieg zu den abgelegenen, wenig besuchten Kavernen auf der Hinterseite in Angriff. Auf jeden Fall sehenswert, doch der Abstieg ist muehsam und steil. Unterhalb der Kavernen war sogar ein Durchgang in den Urwald hinein ‚machetet‘, vielleicht ein versteckter Gratiseingang nach Machupicchu?
Eine weitere Stunde Marsch war noetig, um den grossen Felsen Huaynapicchu fertig zu umrunden und wieder die Ruinenstadt zu erreichen. Die Aussichten auf diesem Pfad waren weiterhin unglaublich und unglaublich schoen und immer wieder fragte man sich, wie viele muehsame Arbeitsstunden wohl investiert wurden, diese Steinpfade in solch unwegsame Land- bzw. ‚Bergschaften‘ zu legen.

Zurueck in der steinigen, von Touristen uebersaeten Stadt fanden wir das Ganze dann nicht mehr so prickelnd und nahmen alsbald den Abstieg nach Aguas Calientes in Angriff. Wie wir im Vornherein schon geplant hatten, kauften wir, dort angekommen, Zugtickets fuer den Weg zurueck nach Ollantaytambo. Leider war die ‚billigste‘ Klasse schon ausverkauft, weshalb wir unanstaendige 75 US-Dollar aus unseren Taschen klauben mussten. Naja, das Minimum waere mit $62 auch nicht viel weniger gewesen. Einheimische bezahlen uebrigens ca. 10mal weniger als wir auslaendischen Touristen. Das Traurige dabei ist, dass von den drei Zugunternehmen kein einziges in peruanischer Hand ist: PeruRail beispielsweise gehoert einem Chilenen, und InkaRail besitzen US-Amerikaner. Es scheint aber mehr als genug Pauschaltouristen zu geben, welche bereit sind, diese (fuer Suedamerika) horrend hohen Preise fuer die 1.5-stuendige Zugfahrt ohne mit der Wimper zu zucken zu bezahlen. Naja, wenn man extra fuer Machu Picchu nach Suedamerika fliegt, auch einigermassen nachzuvollziehen…
Und es ist ja auch, das muss ich an dieser Stelle nochmals festhalten, ein weltweit einzigartiges, wunderschoen in die Landschaft eingebettetes, gut erhaltenes und von Menschenhand geschaffenes Kulturwunder!

Tut mir leid, dass seit diesem Erlebnis so viel Zeit verging, bis zur Veroeffentlichung. Allerdings ist unterdessen auch nicht so viel passiert: Weiterreise nach Lima, wo ich zwei Tage in dieser kontaminierten Grossstadt mit durchaus schoenen Seiten (Straende, Altstadt, Menschen und Klima) verbrachte und zum letzten mal couchsurfte, bevor ich in Richtung Ecuador weiterpressierte.

Nach einigen Wochen Sprachschule in Cuenca und den Praesidentschaftswahlen, in welcher Rafael Correa ohne Probleme wiedergewaehlt wurde, reisten wir zu viert nach Tena (zwei Tage) und sind seit heute in der schwuelheissen Tiefland-Amazonas-Oelfoerderungsstadt Coca im ecuadorianischen ‚Oriente‘. Morgen gehts dann definitiv raus aus der Zivilisation und rein in die ‚zona intangible‘ (unberuehrbare Zone) des Nationalparks Yasuní. Lieber jetzt als erst in paar Jahren, denn geht es nach den Plaenen des Praesidenten steht Oelfoerderung im Yasuní zuoberst auf dem Programm. Unberuehrt davon, dass es sich beim Yasuní um ein einzigartiges und von internationalen Konventionen geschuetzte Biosphaeren-Reservat handelt. Ich habe ueber diese Problematik ja schon im Ecuadorblog ausfuehrlich berichtet…

In diesem Blog muesst ihr fuer einmal ohne Bilder auskommen, doch wenn ihr Machu Picchu etc. googelt, stoesst ihr sicher auf genug Veranschaulichungen, falls noetig…
Also, wir verabschieden uns (Eli, Marco, Priscila, ich) nun fuer fuenf Tage von jeglicher Zivilisation und rechnen fest damit, wieder heil aus dem Dschungel rauszukommen, trotz Giftschlangen, Anakondas, Kaimanen und weiss nicht was… Macht euch keine Sorgen, wir (ich) wissen was wir tun. Bis dann!

Heute: Erfrischung statt Mattscheibe!

Regenzeit in La Paz ist nicht so cool. Diverse Wander- und Bergsteigvarianten, sogar der sonst gut machbare Sechstausender Huayna Potosí, werden so verunmoeglicht. Die Stadt und Umgebung sind trotzdem eine Betrachtung wert…
Relativ muehsam gestaltete sich schon die normalerweise 12-stuendige naechtliche Busfahrt von Sucre nach La Paz. Meine traditionell gekleidete, ca. 40-jaehrige bolivianische Sitznachbarin entpuppte sich relativ bald als ausgebackene Taschendiebin. Ploetzlich hatte ich ganz zufaellig eine Hand ziemlich nahe an der Hosentaschenoeffnung auf dem linken Oberschenkel, als wir beide ’schliefen‘. Ein kurzer Blick in ihre Richtung genuegte, diese Hand wieder zurueck an ihren angestammten Ort zu bewegen. Als ich mich dann auf dem schraegen, zum Schlafen einladenden Sitz auf die Seite legte, ging es nicht lang, bis ich besagte Hand an der sich am Hintern befindenden Hosentasche spuerte. Dort hatte ich natuerlich weder Geld, noch Kreditkarte, noch eine Kamera gelagert. Nur einen Stadtplan von Sucre… Denn ich hatte schon in Argentinien meine Anti-Bestohlenwerden-Strategie perfektioniert: Alle Wertsachen werden vor der Busfahrt in die Taschen meiner Regenjacke eingeschlossen. Die Regenjacke wird dann in eine kleine Netztasche gestopft. Diese wiederum wird oben durch einen Knoten verschlossen und um den Hals geschlungen. Zu guter Letzt zieh‘ ich meinen Faserpelz an, ziehe dessen Bauchpartie ueber das ganze Paecklein und lege im Schlaf meine Arme darueber. Challenge: So soll mich mal jemand bestehlen!
Um fuenf Uhr morgens stand der Bus dann ploetzlich still. Eine Panne, die sich gewaschen hat: Geschlagene 3.5 Stunden steckten wir inmitten der Autostrasse auf der bolivianischen Hochebene fest, bis das Leck gefunden und verschlossen war. Laut Aussage des Busfahrer wurde der Bus bis anhin schlecht oder gar nicht gewartet. Es war eine alte Occasions-Schwarte, die in den Neunzigerjahren noch in Brasilien benutzt wurde, soweit die portugiesich-lautenden Aufkleber schliessen liessen…
In La Paz konnte ich mich zunaechst nicht wirklich anfreunden mit dem Hostel voller Gringos. Mit der Zeit ging es jedoch besser, vor allem als ich den Schweizer Freund wieder traf, der Sucre einen Tag vor mir verlassen hatte. Zu dieser Zeit hatte ich in der Innenstadt schon die ultimative Gringo-Aktivitaet fuer den naechsten Tag gebucht: Eine Downhill-Mountainbikefahrt auf der sogenannten ‚death road‘, oder ‚gefaehrlichste Strasse der Welt‘. Es war auf jeden Fall ein Erlebnis, trotz anfaenglichem Dauerregen: 62km Abfahrt, waehrend welcher gut 3500 Hoehenmeter abwaerts bewaeltigt wurden, groesstenteils auf einer schlecht befestigten Schotterstrasse aus den 1920er-Jahren. Von der unfruchtbaren Andensteppe runter bis in den spriessenden Regenwald auf 1200 m ue. M. Die Strasse wird heutzutage vorwiegend von Touristen wie mir benutzt, denn seit 2006 ist eine neue, parallel verlaufende asphaltierte Strasse in Betrieb.

Ein paar Spaziergaenge in Zentrum und Umgebung praesentierten mir La Paz als eine – im Vergleich zu anderen suedamerikanischen Grossstaedten (La Paz hat ca. 7 Mio. Einwohner und liegt auf 3600 m. ue. M.) – ziemlich einladende Stadt. Dasselbe kann von der noch groesseren Stadt El Alto, oberhalb von La Paz auf einer Hochebene liegend, nicht behauptet werden. Armut und Elend scheinen dort ‚Trumpf‘ zu sein. Hohe Kriminalitaet, trostlose Strassen und eine aufs Ueberleben ausgerichtete Wirtschaftsweise machen El Alto fuer den Touristen kaum einladend. Kulturelles scheint nicht zu existieren. An vielen Strassenmasten haengen lebensgrosse Puppen, die einen gelynchten Kriminellen darstellen sollen. EL SOSPECHOSO SERA GOLPEADO steht dazu, zu uebersetzen mit ‚der Verdaechtigte wird gehaengt‘. Seit einem Beschluss des bolivianischen Volkes ist traditionelle, urspruenglich von Indio-Staemmen ausgeuebte Justiz in Bolivien wieder offiziell erlaubt. Dass in der Grossstadt El Alto diese jedoch ausserhalb jeglichen Stammeskontextes ebenfalls ausgeuebt wird, war wohl nicht der Sinn dieses Beschlusses, ist angesichts der vorwiegend indigenen Bevoelkerung und des Mangels an polizeilicher Gewalt jedoch nachvollziehbar. Mehr dazu findet ihr hier.

Von La Paz aus ging es dann – wieder mit Schweizer Begleitung nach – Copacabana am Titicacasee. Der Titicacasee (3800m ue. M.) ist mit 9000km2 Flaeche gleichzeitig der groesste See Suedamerikas und der hoechste schiffbare See der Erde. Lange hielten wir es in Copacabana (der beruehmte Strand in Brasilien ist uebrigens danach benannt, nicht umgekehrt) nicht aus. Auf die Isla del Sol (Sonneninsel) sollte es gehen am Vormittag des 31. Dezembers 2012. Die Isla del Sol ist Schauplatz des Schoepfungsmythos des alten Inkavolkes, und es ist sehr leicht nachzuvollziehen warum. Die Kultur- und Naturlandschaft praesentiert sich wunderschoen mit gepflegten Ackerterrassen, herrlichen  Sandstraenden und wohlgeformten Steinhuegeln. Ja, auch auf 3800 Metern ueber Meer laesst es sich am Nachmittag gemuetlich baden ohne zu frieren. Solange die Sonne scheint, sollte man anfuegen…
Den Silvesterabend, nach einer siebenstuendigen Wanderung ueber die ganze Insel und einem ziemlich deftigen und kalten Gewitter, verbrachten wir zwei Schweizer in der gemuetlichen Gesellschaft zweier netter Peruanerinnen aus Lima und Cajamarca (<- das fuers Protokoll). Als anschliessend verschiedene Musikstile aus den Andenlaendern gespielt wurden, wuessten diese fuer jeden Rhythmus mit einem passenden Tanzstil zu antworten. Wir Westeuropaer standen dabei eher bewegungs- und ratlos daneben, was uns aber niemand uebel nahm. (Liebe Schweizer: langweilig zu sein ist unser Ruf in der Welt!)
Am 1. Januar nahmen wir es gemuetlich und blieben nochmals eine Nacht auf der Insel, weil es uns so gut gefiel. An diesem zweiten Tag spielte das Wetter leider nicht mehr so gut mit. Dafuer durften wir uns angesichts des Verhaltens zweier deutscher Maedels – welche trotz klarster Wegfuehrung an den falschen Bootshafen sich verliefen – wieder mal richtig intelligent fuehlen…

Zurueck von der Insel – das war erst gestern! – kaufte ich in Copacabana ein paar folklorische Souvenirstuecke und wechselte darauf meine letzten Bolivianos in peruanische Soles. Wir nahmen den Bus nach Peru, genauer gesagt Puno. Die durch Zeitverschiebung gewonnene Stunde verloren wir alsgleich wieder an der bolivianisch-peruanischen Grenze mit dem Warten auf ein paar scheinbar bedeutungslose Stempel in unseren roten Paessen. Puno machte uns einen ziemlich oeden Eindruck, weshalb wir die Reise ungebremst fortsetzten. Das Busunternehmen organisierte uns einen Fuehrer fuer die groesste Touristenattraktion auf dem Titicacasee nahe an der peruanischen Kleinstadt: die schwebenden Inseln (islas flotantes). Eine Viertelstunde fuhren wir mit dem Boot hinaus auf den See durch dicht bewachsene Schilfgebiete. Apropos Schilf: Mit ebendiesem stellen die dort wohnhaften Aymara-Leute ihre auf dem Wasser schwebenden Inseln her. Schicht fuer Schicht wird auf die dicke Wurzelschicht aufgetragen, bis man darauf rumlaufen und Haeuser bauen kann. Festgemacht wird die Insel dann mit Seilen an ein paar halbbefestigte Staemme.
Wie entstand so eine ungesunde Lebensform? (Rheuma und Asthma sind unter den Bewohnern weit verbreitet; durch die hohe Luftfeuchtigkeit und Kaelte auf den fliessenden Inseln.) Antwort: Als die Inka Anfang des 16.Jh. das Kuestengebiet eroberten, wichen die Aymara mit ihren Booten auf den See aus. Diese wurden alsbald zusammengebunden (Familien und Grossfamilien), worauf nach und nach die islas flotantes entstanden. Ironie der Geschichte: Nur wenige Jahrzehnte spaeter erreichten die Spanier das Gebiet und ermordeten den letzten Inka-Herrscher. Vielleicht waere es den ’schwebenden‘ Aymara auch nicht anders ergangen, waeren sie nicht wenig frueher von den Inka gefluechtet…

Zurueck von diesem kleinen Ausflug hatten wir noch kurz Zeit, im ansehnlichen Stadtzentrum Punos einen Happen zu essen, bevor wir zurueck zum Busterminal gingen und den Nachtbus (immer wieder und wieder…) nach Cusco bestiegen. Cusco ist die ehemalige Hauptstadt des ehemals riesigen, sich ueber grosse Teile Suedamerikas erstreckenden Reiches der Inka. Es ist auch jetzt noch sehr eindruecklich, obwohl die aus Inkazeiten stammenden Ruinen und Gebauede von den kolonialen Gebilden und Kirchen mittlerweile ums ca. Zehnfache ueberragt werden. Sehr schoen finde ich die Inkamauern, welche aus riesigen Steinbloecken bestehen, welche haargenau aufeinander abgestimmt zugehauen wurden. Moertel oder Aehnliches wurde meines Wissens nicht verwendet… wie haben die das wohl gemacht?
Diese Frage wird mich bald wieder umtreiben, naemlich in Machu Picchu! Heute haben wir unser Eintrittsticket fuer den 7. Januar gekauft, welches zugegebenermassen nicht ganz billig war. Dafuer sparen wir bei der Hinfahrt ein bisschen Geld; wir gehen naemlich per Downhill-Mountainbiking. Diesmal wird es von 4700m ue. M. auf ca. 1200m gehen. Das wird hoffentlich wieder ein Riesenspass. Die restliche Strecke nach Machu Picchu muss dann mehr oder weniger gewandert werden (ca. fuenf Stunden). Schon wieder viel Aktivitaet an der frischen Luft – so gefaellt’s mir! Sich dauernd in Staedten, in der Blase auslaendischer Reisender oder im virtuellen Netz zu bewegen, kann naemlich ziemlich matt machen.

Ich jedenfalls hoffe, dass ihr nach dem Lesen dieses Eintrages und dem Bilderanschauen keine Mattscheibe habt, sondern erfrischt und mit neuem, unglaublich wichtigem Wissen bestueckt wieder euren alltaeglichen Aufgaben des Jahres 2013 nachgeht. In diesem Sinne: Guets Neuis!

Spannendes Bolivien

Hoechste Zeit, wiedermal zusammenzufassen, was in den letzten Wochen alles so lief. Ueber die Festtage habt ihr sicher genug Zeit, diesen Kaese zu lesen…
Also, was war los? Nach Bariloche nahm ich eine weitere, ca. 30-stuendige Busfahrt nach Mendoza auf mich, wo ich drei wenig ereignisreiche Tage verbrachte. Mein Knie war am Arsch (symbolisch gemeint), deshalb lief ich durch die modern anmutende Stadt ohne koloniale Gebaeude. Diese hatte es naemlich vor 150 Jahren bei einem Erdbeben weggewischt. An einem Tag ging ich dann noch in ein Thermalbad in der Naehe, was mir auch sehr gut tat. Dann entschied ich, die Grenze zurueck nach Chile zu ueberqueren, da ich mir meine Zukunft in Argentinien angesichts der hohen Busfahrpreise eher schwarz ausmalte (bzw. rot).
Ueber Santiago fuhr ich nach La Serena. Schoene Sandstraende zeigen diese Stadt aus, dazu die Naehe zum Valle de Elqui (Elqui-Tal), wo viele verschiedenen Observatorien stehen. Das ist gar nicht so verkehrt angesichts der Regenarmut und Wolkenlosigkeit in dieser Wuestenregion. Als weiteres Kennzeichen werden dort die Trauben fuer das chilenische Nationalgetraenk Pisco angebaut. Die Chilenen und die Peruaner (dort ebenfalls Nationalgetraenk) streiten sich uebrigens unaufhoerlich, wer dieses Getraenk erfunden hat und wo es urspruenglich herkommt. Die Peruaner haben da einen Vorteil, denn die Stadt Pisco liegt im Sueden Perus. Dieser Vorteil ging allerdings schon in den 1920er-Jahren ‚verloren‘, als der damalige chilenische Praesident ein kleines Dorf im Elqui-Tal kurzerhand in ‚Pisco Elqui‘ umtaufen liess.
Wie dem auch sei, Pisco Sour schmeckt hervorragend. Es wird gemixt aus dem weissen Traubenwein Pisco, Zitronensaft, Zucker und etwas Eiweiss fuer den Schaum.

Eine ungefaehr 15-stuendige Busfahrt fuehrte mich dann direkt in die chilenische Atacamawueste, anscheinend die trockenste Wueste auf Erden. Ich legte in Calama einen Zwischenstopp ein, um die nahegelegene Kupfermine Chuquicamata zu besuchen. Es ist die groesste Tagbaumine der Erde, pro Jahr werden sagenhafte 630’000 Tonnen Kupfer extrahiert. Die Dimensionen sind ziemlich verrueckt, dazu ein paar Zahlen:
Groesstes „Loch“ der Mine: 5km lang, 3km breit, 1km tief
Funktionszeit: Seit Anfang 20.Jh. und voraussichtlich noch bis 2050
Preis eines Trucks, der das Material hinausfaehrt: 5 Mio. US-Dollar (4 Mio. Materialkosten, 1 Mio. fuers Zusammenbauen)
Ladekapazitaet der groessten Trucks, Marke Liebherr: 420 Tonnen
Dieselverbrauch der Trucks: 3.5l pro Minute
Wasserverbrauch der Mine: 2000l pro Sekunde, wobei das Wasser ca. 6mal rezikliert wird.

Weil das Loch immer tiefer wird, verbrauchen die Trucks immer mehr Diesel, um das Rohmaterial herauszutransportieren. Deshalb wird in fuenf Jahren auf Untertagebau umgestellt, die Trucks werden durch Foerderbaender ersetzt. Der allegroesste Teil des extrahierten Kupfers wird an die neue wirtschaftliche Grossmacht China verkauft.
Die Mine ist staatlich. Der Betrieb der Mine, alle Lohn- und Materialkosten werden durch den Verkauf von Nebenprodukten des Abbaus finanziert. Das heisst: Der Verkauferloes aus dem Kupfer ist 100prozentig Reingewinn. Kein Wunder, macht Kupfer mehr als 40Prozent des BIP Chiles aus.

Zum Glueck fand ich am Abend gleichen Tages noch einen Bus in das deutlich angenehmere San Pedro de Atacama, denn Calama ist schon ein ziemliches Drecksloch… Jaja, in S.P. de Atacama machte ich dann halt die so ueblichen Touristenfahrten, waehrenddessen ich meine Weiterreise nach Bolivien plante. Es war schoen, es war speziell, es war sehr touristisch. Bizarre Wuestenlandschaften, speiende Geysire auf ueber 4000m ueber Meer usw. Nebenbei erfuhr ich, dass zwei Tage danach im benachbarten bolivianischen Nationalpark ein Streik beginnen wuerde. Das hiess, ich musste moeglichst schnell jemanden finden, der mich vorher nach Uyuni karrt.
Das war gar nicht so einfach, aber auch nicht unmoeglich: Ein bisschen Reisestress inbegriffen: 21 Uhr: Zurueck vom Valle de la luna. 21.10 Uhr: Tour buchen. 21.15 Geld im Hostel holen. 21.30: die restlichen chilenischen Pesos in Bolivianos wechseln. 21.45 Uhr: Snacks und Fruechte einkaufen. 21.50 Uhr: Nacht essen. 23 Uhr: Alles packen und bereitstellen. 24 Uhr: Duschen und Schlafengehen. 3.40 Uhr: Aufstehen, auf zur Geysirtour. 12.30 Uhr: zurueck von der Geysirtour. 13 Uhr: Empanada essen, Rucksaecke im Hostel holen. 13.20 Uhr: Es geht los Richtung Uyuni. 15 Uhr: Ueberquerung der Grenze nach Bolivien, im Jeep zusammen mit vier neuen Freunden: Zwei Schweizer und zwei Englaender/-innen.
So cruisten wir mit unserem bolivianischen Fahrer Alfredo querfeldein durch Wueste, Steine, Felsen, 6000er-Vulkane und bunte Seen voll von Flamingos, und am Schluss ueber den groessten Salzsee der Erde, den Salar de Uyuni. Es war schoen, wenn auch ein bisschen anstrengend und mit Kopfschmerzen verbunden: Die erste Nacht verbrachten wir auf einer Hoehe von knapp 5000m ueber Meer…
Im etwas gespenstischen Uyuni verbrachten wir eine Nacht, dann ging es per Bus weiter ins legendaere Potosi. Auf 4070m gelegen ist Potosi die hoechste Stadt auf der Erde, dazu mit einer bewegten Geschichte. Nach der Eroberung durch die Spanier stieg Potosi dank seiner immensen Silbervorkommen (man sagt, 48000 Tonnen seien schon aus dem ueber der Stadt thronenden Berg Cerro rico geholt worden) schnell zur groessten und reichsten Stadt des spanischen Reiches in Suedamerika auf. Fast saemtliche spanischen Silbermuenzen wurden waehrend fast drei Jahrhunderten (bis zur boliv. Unabhaengigkeit) dort fabriziert und man sagt das Silber sei in solchen Mengen vorhanden gewesen, dass es ohne Probleme im Stuhl der Einwohner nachzuweisen war…
Geschaetzte sieben bis acht Millionen Menschen (vorwiegend indigene und afrikanische Sklaven) liessen in den zahlreichen Minen des Cerro rico ihr Leben. Es wird auch heute noch Silber und andere Minerale abgebaut, und die Arbeitsbedingungen sind kaum besser als zu Kolonialzeiten. Wer in der Mine beginnt zu arbeiten, hat normalerweise noch 10-30 Jahre zu leben. Die Haupttodesursache ist die Verpestung der Lungen durch giftige Gase, nebst Zusammenbruechen der ungenuegend gesicherten Stollen. Niemand weiss genau, wieviele Minen im Berg sind und wohin sie fuehren; es gibt keine Karten davon.

Die Minenarbeiter arbeiten in Kooperativen, d.h. alle werden an den Gewinnen beteiligt. Die Leute werden teilweise durchaus reich, wenn sie Glueck haben und auf eine neue Silberader stossen. In schlechteren Jahren bleibt entsprechend weniger uebrig zum leben. Letztes Jahr war anscheinend ein ziemlich gutes. Wir Touristen wurden von ein paar ehemaligen mineros (Minenarbeitern) zu der Hochzeit eines verwandten mineros eingeladen. Die Hochzeit dauerte drei Tage und wir durften am zweiten Tag bzw. Nacht beiwohnen. Das Fest war riesig und die ganze Hochzeit kostete ca. 10’000 US-Dollar, wie uns mitgeteilt wurde. Es traten zwei professionelle und eine Hobbyband auf, jeder Gast bekam einen guten Teller voll zu essen, und Bier, Champagner, Cocktails und Shots gabs zur Genuege fuer alle. Wir hielten bis 5.30 morgens durch, tanzten, redeten und sangen. Der Kater am naechsten Tag war entsprechend (auf 4000m ue. M.), doch wir waren uns einig, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat.
Die Fahrt nach Sucre traten wir an Heiligabend im Taxi an. Es war zwar etwas teurer als ein Bus, doch angesichts des Zustands meines Magens zahlte sich die Entscheidung aus. Ich teilte dem Fahrer mit, bitte in den Kurven sanft zu fahren, und zwischendurch hielten wir an, um mal frische Luft zu schnappen.
Die Landschaft im bolivianischen altiplano (Hochebene) finde ich bis jetzt bombastisch, unglaublich schoen und die traditionellen Haueser mit farbenpraechtig gekleideten Indios passen perfekt hinein. Nur die grosse Armut macht phasenweise fassungslos. Viele Indigene mussten in den letzten Jahren vom Land in die Stadt fluechten, da Duerren das auf Landwirtschaft basierende Leben verunmoeglichten. Entsprechend trifft man hier in Sucre eine grosse Zahl Obdachloser an, Leute, die von der Hand in den Mund leben und ihr Elend durch das Kauen der allgegenwaertigen Kokablaetter ertraeglich machen.
Die herrliche, weisse Altstadt Sucres zeugt von vergangenen, besseren Zeiten.

An Heiligabend assen wir in einem deutschen Kulturzentrum traditionelle bolivianische Weihnachtsmahlzeit (entsprechend meiner Verfassung ohne Alkohol) und besuchten danach aus Neugierde die Mitternachtsfeierlichkeiten und anschliessende Weihnachtsmesse. Die Jungen tanzten leidenschaftlich auf der Strasse, und viele Leute brachten ein Koerblein mit eingelegtem Christkindlein mit, um es vom Bischof segnen zu lassen. Das ist anscheinend der Gebrauch hier. Die Messe unterschied sich uebrigens kaum von einer katholischen Weihnachtsmesse in der Schweiz. Ich wuerde sogar sagen, dass es hier noch etwas ernster zugeht als bei uns.

Am Weihnachtstag besuchten wir noch einen Dinospuren-Park und rundeten den Abend mit einem feinen Essen in einem guten bolivianischen Restaurant ab. Man soll sich ja zwischendurch auch mal was goennen. Das gilt uebrigens auch fuer all die bettelnden Kinder und Obdachlose, denen je nach Situation ein Fuenf-Boliviano-Stueck zugesteckt oder die Reste vom soeben beendigten Mittagessen ueberreicht wird. Es geht dabei viel weniger um die Stillung eines schlechten Gewissens als um die kurzfristige Linderung des beobachteten Elends einzelner Menschen in der Immer-noch-Hauptstadt Boliviens.
Mehr Fotos von Sucre gibts, sobald die Uebertragung auf den Computer wieder moeglich ist. Ihr muesst euch also vorerst mit den Bildern aus seltsamen Wuesten Salzseen begnuegen. Die Potosí- und Hochzeitsbilder sind leider auch noch nicht vorhanden, werden aber baldmoeglichst nachgeliefert!
Vielen Dank an alle Leser fuers Interesse und vorerst wuensche ich euch erholsame Zwischen-Festtage! Uebrigens hat jetzt in Bolivien definitiv die Regenzeit eingesetzt. Naechster Halt: La Paz.

Kolumbien?

Nach drei Monaten in Kolumbien ist es mir kaum moeglich eine persoenliche, abschliessende Uebersicht zu geben, wie das vielleicht bei Ecuador noch moeglich war (sh. hier). Ecuador ist um einige Groessenordnungen kleiner und uebersichtlicher als Kolumbien und ich verbrachte dort die doppelte Zeit, nicht nur reisend sondern auch arbeitend. Diese Art des Kennenlernens eines Landes fand ich wunderbar. Man taucht viel mehr ein in den Alltag der Leute und die Kultur des Landes, kann dieses viel mehr greifen und be-greifen. Das war in Kolumbien schon weniger der Fall. Ich lernte das Land eher durch die touristische Brille kennen und grosse Teile sind kaum zu bereisen, da gefaehrlich. Nichtsdestotrotz interessierte ich mich auch fuer Hintergruende, fragte und hinter-fragte, war oft begeistert und stand ebenso oft ratlos da. Ich begriff vieles nicht, verstand nicht warum. Habe kaum Erklaerungen oder Begruendungen bereit fuer die katastrophale Situation des Landes: Korruption auf allen Ebenen, ein nicht enden wollender Krieg zwischen dem Staat, der FARC und den Paramilitaers. Kolumbien ist das Land mit am zweitmeisten Binnenfluechtlingen (nach Sudan). Die soziale Schere geht sehr weit auf, es gibt eine breite reiche Oberklasse, die sich in Einkaufszentren american-style vergnuegt und sich mit Schoenheitschirurgie ‚verbessert‘. Daneben vor allem in den Staedten unglaublich viele Arme und hohe Kriminalitaet. Ein katastrophales Bildungssystem. Der Ausweg aus dem Elend wird zu oft im Drogenhandel und -anbau gesucht. Vertriebene lassen sich in den Armenvierteln nieder, treffen dort auf Faustrecht statt Polizei, Schiessereien statt Arbeit.

Auf der anderen Seite: Eine ernome Lebenslust im ganzen Land, das froehliche Zusammenleben allermoeglichen Hautfarben. Es wird gearbeitet, um am Wochenende zu tanzen, zu feiern, zu singen und zu lachen. Zwischen den Wochendenden wird ebenfalls getanzt, gefeiert, gesungen und gelacht, geholfen und gewartet, getroffen, gefreut und getrunken. Diese Stimmung wirkt ansteckend, und macht gluecklich. Niemand ist sich fuer ein Laecheln zu schade, man interessiert sich aufrichtig fuer sein Gegenueber, freut sich mit ihm, leidet mit ihm.
Die kulturelle Vielfalt ist oft verwirrend, es gibt Dutzende ganz verschiedene Musikstile, Taenze, Sprachen und Traditionen. Die Klimazonen unterscheiden sich genau so stark wie die Hautfarben, ebenso die Staedte und die Doerfer, die verschneiten Berge, die herrlichen Straende, die tiefen Urwaelder und die gandenlosen Wuesten. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind Kolumbien.

Kolumbien ist ein Land der krassen Gegensaetze, das definitiv niemanden kalt, doch viele (und da zaehle ich mich dazu) ziemlich ratlos zurueck laesst.
Was bleibt, sind tiefe Eindruecke, Impressionen, die lange, vielleicht ein Leben lang haften bleiben werden. Und die Hoffnung ist da, dass ich irgendwann, irgendwann vielleicht, etwas mehr verstehen werde von diesem wahrhaft wunderbaren Land. ¡Viva Colombia!

 

Lange unterwegs, im Sueden

Die Zeit geht schnell um! Ich bin gerade ein bisschen erschrocken, als ich vorhin feststellte, dass ich schon seit 24 Tagen in Chile und Argentinien rumtingle. Die riesigen Distanzen in diesen beiden Laendern sorgen dafuer, dass ich ein Grossteil dieser Zeit in Transportmitteln verbrachte: Vier Tage auf einer Faehre nach Patagonien und etliche Tage (und vor allem Naechte) in Bussen. Busfahrten von 10-30 Stunden sind hier keine Ausnahme, wenn man etwas vorwaerts kommen will. Ich kann es mir hier nicht mehr – wie noch in Kolumbien – leisten, von der einen zur naechsten Stadt zu reisen und ueberall mehrere Tage zu verbringen. Einerseits ist auch meine Reisezeit nicht unendlich (auch wenn das einige vielleicht meinen…), andererseits sind in diesen zwei suedlichsten Laendern Suedamerikas die Preise ziemlich gepfeffert. Eine Busfahrt von 2000km kostet umgerechnet schnell 150 CHF oder mehr.
Da bin ich froh, auf die Gastfreundlichkeit der Einheimischen zum Uebernachten zaehlen zu koennen, oder auch von Mitreisenden, die mir ihr Zelt zum Schlafen zur Verfuegung stellen.

In den letzten zwei bis drei Wochen habe ich ein paar Highlights in Patagonien abgeklappert. Nach der angenehmen, aber wenig aufregenden Hauptstadt Santiago de Chile verbrachte ich zwei weitere Tage in Valdivia und einen in Puerto Varas. Dann ging es mit einer passagierfaehigen Faehre (die Einheimischen nennen es auch ‚Gringoboot‘) in vier Tagen durch die patagonischen Fjorde bis nach Puerto Natales. Wir sahen Wale, Delfine, viele Voegel und sonstiges Meeresgetier, dazu die vergletscherten Berge von weitem und sogar ein kalbender Gletscher von nahem (der Kapitaen nahm dafuer extra einen kleinen Umweg in Kauf). Das war auf jeden Fall eine lohnende Erfahrung. Eindruecklich waren auch die Besuche auf der Bruecke des Schiffes, welche fuer Passagiere fast jederzeit offen war. Da konnte man dem Kapitaen und seinen Matrosen von nahem bei der Arbeit zuschauen und staunen. Trotz aller moeglichen modernen Instrumente und Geraete werden weiterhin gedruckte Land- und Seekarten, Zirkel und Bleistift zur Hilfe genommen. Ausserdem war der Kapitaen ein absoluter Enthusiast und antwortete einem bereitwillig alle moeglichen Fragen zu seiner Arbeit und darueber hinaus.
Am letzten Tag, als wir eigentlich am Zielhafen anlegen sollte, zog ein richtig starker antarktischer Sturm auf, mit Windspitzen ueber 120 km/h. Das Schiff stellte sich da schon unangenehm schraeg, und als es daran ging den Kahn durch eine 80m breite See-Enge zu zirkeln, wurde es heikel und somit die Bruecke fuer Passagiere geschlossen. In Puerto Natales fehlte dann wegen des Sturms die Anlegebewillgung weshalb wir einen weiteren halben Tag und eine Nacht wartend auf dem Schiff verbrachten. War aber trotzdem angenehm, schliesslich bekamen wir weiterhin zu Essen und zu Trinken.
Ach ja, Fotos von der Schiffsreise gibt es keine, ich goennte meinem rechten Zeigefinger eine Erholungspause. (Beziehungsweise ich verlor das Aufladekabel, wofuer ich noch immer keinen Ersatz gefunden habe…)

Da man sich in vier Tagen auf dem Schiff kaum vor den anderen Passagieren verstecken kann, schliffen alle eifrig an Plaenen, um den beruehmtesten Nationalpark Patagoniens zu besuchen, den Torres del Paine. Ich mischte dabei auch munter mit und so bildete sich eine kleine Gruppe. Ein 60-jaehriger Deutscher (der mir ein Platz in seinem Zelt zur Verfuegung stellte), ein ueber 50-jaehriger Australier, eine ca. 40-jaehrige Oesterreicherin, ein 30-jaehriger Ami aus Alaska, und… ich. Kaum in Puerto Natales angekommen, wurde Essen eingekauft, fehlende Ausruestung besorgt, Karten und Busfahrplaene studiert. Einen Tag spaeter ging es los: Der Plan war im Kern, den Nationalpark in ca. acht Tagen mehr oder weniger zu umrunden. Dafuer musste eine grosse Menge Nahrung eingekauft werden, was den Rucksack entsprechend schwerer machte. Dazu trug ich drei Bierdosen mit, was sich spaeter wohl als Fehler herausstellen sollte, sowie etwas zu viele Klamotten.
Der erste Tag ging noch einigermassen gut, obwohl der Rucksack drueckte und viele Hoehenmeter ueberwunden werden mussten. Am zweiten mussten mir dann vom Campingplatz wieder ins Tal runter und schon… hatte ich eine Entzuendung am Knie. Vieleicht war das Gewicht zu viel, vielleicht waren meine Muskeln zu wenig trainiert (oder beides) oder es war einfach Pech. Jedenfalls quaelte ich mich in den darauffolgenden zwei Tagen (unterstuetzt von Voltarencreme und Schmerzpillen) zu weiteren Campingplaetzen, wo ich schlussendlich die Tour abbrach. Bis zu einer Huette am See ging es noch, dort trank ich zum Trost ein paar Pisco Sour (das Nationalgetraenk Chiles) und ging per Boot und Bus zurueck nach P. Natales. Ich war uebrigens nicht der erste, der die Gruppe verliess: der Alaskaner verduftete schon am ersten Abend ziemlich stillos und der Australier gab am zweiten Tag auf. Trotzdem wars wunderschoen (siehe Fotos) und anstatt zu resignieren widmete ich den weiteren Reiseplaenen: nach Argentinien sollte es gehen!
Das naechste Riesenhighlight lag naemlich gleich um die Ecke: Laecherliche fuenf Stunden Busfahrt trennten mich von El Calafate im argentinischen Patagonien, wo ich das Lager aufschlug. Am Tag darauf ging es in zwei Stunden Busfahrt (noch laecherlicher) zum majestaetischen Perito Moreno – Gletscher, einer der ganz wenigen weltweit, die immer noch wachsen und die Wissenschaftler vor Raetsel stellen. (Die globale Erwaermung laesst sich dadurch jedoch in keiner Weise herunterspielen, sie zeichnet sich naemlich weiterhin in haarstraeubender Geschwindigkeit ab.)
Zurueck zum Gletscher: Man kann sich stundenlang blendend damit unterhalten, in sicherer Distanz zu ihm hin und her zu gehen, ihn zu betrachten, zu bewundern oder anzubeten (was auch immer…). Im Minutentakt fallen kleinere oder groessere Eisbloecke hinunter, es knackt und kracht staendig.
Ein starker Strom verbindet die linke mit der rechten Seite des Gletschersees. Dieser fliesst unter engen Gletscherbruecken hindurch, welche mit der Zeit immer groesser werden. Der Gletscher stoesst weiter vor und schlussendlich brechen die Bruecken zusammen, das passiert alle paar Jahre und zieht jeweils tausende Touristen an. Dann werden die zwei See-Seiten wieder durch den Gletscher getrennt und das Wasser steigt auf der einen Seite um Dutzende Meter an, bis der Druck zu hoch wird und von Neuem Tunnels durchgebrochen werden. Das ganze ist also zyklisch und wiederholt sich alle paar Jahre. Bis der Gletscher vielleicht nicht mehr vorstoesst… Mehr Infos dazu gibt es hier:

In meinem Hostel gab es am Abend argentinische Grillade, was den Tag natuerlich wunderbar abrundete. Wegen meiner fortbestehenden Knie-Entzuendung (wird noch ’ne Weile sein), entschied ich mich, aus dem suedlichen und wanderfreundlichen Patagonien zu verabschieden und Richtung noerdliches Patagonien zu ‚bussen‘.
Bariloche: Kleinstaedtchen, ziemlich touristisch, liegt mitten in einem Nationalpark. Und wieder hatte ich Wetterglueck. Zwei wunderschoene Tage mit genialen Aussichten. Die Region erinnert mit ihren vielen Seen, Waeldern, Bergen und Gletschern sehr an die Schweiz, darum erstaunt es nicht, dass viele Schweizer Fluechtlinge (ja, das gab’s !) sich im 19. Jahrhundert da niederliessen. Vielleicht ist es sogar schoener als die Schweiz, doch da scheiden sich die Gemueter… Beweisfotos gibt es leider noch keine, da meine Kamera wie schon erwaehnt ohne Batterie bleibt.

Seit heute frueh bin ich nun in Mendoza so nahe an den riesigen Gebirgen der Anden und doch so weit entfernt, da ich mit meinem laedierten Knie wohl in der Stadt bleiben werde.
Ihr hoert bald wieder von mir! Tschuess