More pictures of beautiful Yasuní National Park in Ecuador

Fotos by Marco Buff

(die schon veröffentlichten Fotos dieser Reise findest du hier)

Reisen… wofuer?

Indem wir Reisen, sehen wir unsere Welt, unser Leben aus einem anderen Blickwinkel. Wir lernen, dass unsere Kultur und unsere Herkunft nur eine von unendlich vielen moeglichen und unmoeglichen Lebensentwuerfen ist. Dass was fuer uns selbstverstaendlich ist, andere nicht kennen oder sich nur wuenschen koennen –  und umgekehrt! Indem wir weiter entdecken, wird uns immer und immer wieder die eigene Ignoranz vor Augen gefuehrt und vor lauter Staunen ueber die Wunder der Welt werden wir ploetzlich ganz feierlich und demuetig.
Manchmal realisieren wir, dass unsere eigene Multioptionsgesellschaft vielleicht doch nicht ganz so viele Optionen fuer uns bereithaelt, solange wir nicht ausbrechen aus dem Einheitsbrei des Alltagslebens. Ja, die Moeglichkeiten sind da, doch was bringt es uns, wenn wir sie nicht nutzen? Wenn wir uns zu fest einengen lassen von Konformitaetsdrang und Einfalt? Wie stellen wir fest, dass es vielleicht ganz gut waere mal ein bisschen loszulassen von unserem materiellen Luxusleben? Wir haben so viel Freiheit wie noch nie und entscheiden uns doch fuer ein ewiges 8- bis 5Uhr-Arbeitsleben und 7- bis 10Uhr-Fernsehabende. Haben viel Geld und wenig Ahnung, was mir Sinnvolles anfangen koennten damit. Viel Bildung und wenig Weisheit, diese auch mal fuer eine kritische Betrachtung unserer Umwelt zu nutzen.
Das koennten wir, unter anderem, dadurch erreichen, indem wir mal ein bisschen Abstand gewinnen, ein bisschen aussteigen, ein bisschen uns inspirieren lassen von einer neuen Umwelt. Die Welt mal mit anderen Augen sehen und staunen wie der Horizont sich ploetzlich oeffnet und ganz weit wird. Dann muessen wir uns vielleicht nicht mehr jedes Wochenende betrinken oder mit unseren modernen Autos ueber die modernen Strassen brettern, um uns ganz falsch ein bisschen frei zu fuehlen…

Und ja, ich habe das Sitzklo wieder schaetzen gelernt, das Trinkwasser vom Hahn, zuverlaessige Stromversorgung rund um die Uhr, Zeitungen mit hohem Informationsgehalt und freier Meinungsaeusserung, die Schulbildung, die ausgezeichneten Schweizer Universitaeten und das duale Bildungssystem, die weltweit einzigartige Schweizer Demokratie und Foederalismus und nicht zuletzt auch die gut ausgebauten Strassen, der taegliche Blick auf den Alpstein, die restlichen wunderschoenen, kaum kontaminierten Schweizer Landschaften und auch die gut erhaltenen und gepflegten Altstaedte, die hochkaraetigen Museen und die sattgruenen, kurzgeschorenen Fussballrasen…
Ich koennte noch endlos weiterfahren: die vorteilhafte zentraleuropaeische Lage unseres Landes, die kollektive und individuelle Sicherheit, und so weiter…
Ja wir haben’s gut in der Schweiz, vorzueglich sogar, doch wenn wir daraus folgern, dass uns alle anderen Laender und Gesellschaften minder sind, machen wir einen grossen Fehler.

(Cuenca, Ecuador, 17/06/13)

Nepal im Vorbeigehen

Zur Abwechslung mal mehr Fotos und weniger Text zu meinem letzten Reiseziel, Nepal. Es ist ein extrem vielfaeltiges, farbenfrohes, faszienierendes und landschaftlich wunderschoenes Land. Ich glaube, nicht mal ein dickes Buch koennte diesem einzigartigen ‚melting pot‘ der Kulturen, religioesen Gebraeuche und Lebensweisen gerecht werden. Wie koennte ich diesem Land gerecht werden, der ich nur ausgewaehlte und ausgesprochen touristische Regionen besucht und mich nicht mehr als fuenf Wochen im Land aufgehalten habe?

Kurz vor dem Eintreten des Monsuns reiste ich wieder hab. Ich war also waehrend der waermsten bzw. heissesten Jahreszeit im Land, irrte viele Tage lang im Kathmandutal herum, mit seiner langen, grossen und bewegten Geschichte. Eigentlich sind es drei historische Staedte, welche sich ueber lange Zeit rivalisierten und Krieg fuehrten und im 18.Jh. von einem maechtigen Koenig mit einer grossen Armee allesamt erobert wurden: Lalitpur (oder Patan), Bhaktapur und eben Kathmandu selbst, das der heutigen Grossstadt ihren Namen gab: Ein Chaos von Glaubensrichtungen (wobei der Hindukult dominiert), Ethnien und Kasten, ein Chaos von Verkehrsunsicherheit und Laerm, launischer Stromversorgung und religioesen Ritualen wo man nur hinschaut, dazu eine starke Verschmutzung, in jeglicher Hinsicht, ziemlich aller Stadtbestandteile, wobei die Luftverschmutzung ekelhaft ist und den Alltag dominiert. Demokratisch gewaehlte, aber extrem korrupte Regierung und Parlamente etcetera etcetera…
Mittendrin leben erstaunlich liebenswerte und aufgestellte Menschen, welche Armut und Misere trotzen und sich nie, aber wirklich nie, zu schade sind fuer ein strahlendes Laecheln.

Das mal eine Groebstuebersicht vom Kathmandutal. Ich habe aber noch nicht geredet vom Nationalgericht Daal Bhat, von den ca. 30 verschiedenen Voelkern in Nepal, von den majestaetischen Bergen, fruchtbaren Feldern und tiefen Dschungeln. Von den tiefreligioesen Leuten, welche noch an lebende Goetter glauben und zu diesem Zweck ein unschuldiges kleines Maedchen seit ihrem dritten Lebensjahr in einem Tempel festhalten. Vom failed state, an welchem sich ‚Entwicklungshelfer‘ die Zaehne ausbeissen. (Und Einheimische sprechen schon von einer bevorstehenden Kapitulation an Indien im Sinne von Sikkim.)
Vieles ist also noch ein Raetsel und vom meisten weiss ich ueberhaupt nichts. Der Tourismusslogan von Nepal, once is not enough, scheint mir sehr treffend, denn so viel mehr gaebe es noch zu Entdecken im Vergleich zu meinem eher oberflaechlichen Sightseeing und einer kleinen achttaegigen Trekkingtour. Darum lasse ich nun die Bilder sprechen, moegen sie euren Geist anregen und eure Herzen erwaermen!

Japan Teil 2

Dass ich im Kloster ein ziemliches Schlafdefizit angehaeuft hatte, bemerkte ich erst, als ich wieder draussen war. In Kyoto, meiner naechsten Station, schlief ich waehrend sechs Tagen jeweils mindestens 10-12 Stunden. Wenn ich nicht schlief, hing ich in irgendwelchen Kaffeehaeusern rum und schaute dem Regen zu, oder ich ging zu Fuss alte Sachen anschauen. Davon gibt es naemlich jede Menge in dieser historischen Hauptstadt Japans.
Ueberhaupt habe ich in allen Staedten, wo ich war, fast nur Tempel, Pagoden, Schloesser und Schreine fotografiert. Naja…

Japan kann ziemlich teuer sein fuer einen arbeitslosen Studenten wie mich. So war ich sehr froh, dass ich nach Kyoto in Kobe Unterschlupf fand, bei einer fernen japanischen Verwandten meiner Mutter. Bei ihr konnte ich meine Kenntnisse der japanischen Kueche, die ich sehr mag, nochmals ausweiten und ausserdem meine erworbenen Kuenste in der Disziplin ‚Essen mit Staebchen‘ unter Beweis stellen. Am Wochende machten wir einen Ausflug in das japanische Landleben, was eine gute Abwechslung war, denn das Alltagsleben der meisten Japaner ist schon extrem stadtorientiert. Bei der Familie meiner Verwandten durfte ich in ihrem riesigen traditionell-japanischen Landhaus uebernachten und wurde richtiggehend verwoehnt mit weiteren kulinarischen Hoehenfluegen. Dazu gehoerten auch einige Speisen, die direkt aus Gemuese zubereitet wurden, das wir vorhin gemeinsam aus dem Garten und dem angrenzenden Wald ernteten. Dazu gehoerten z.B. das ‚udo‘-Gemuese und die Bambussprossen. Am Sonntag wurde ich von ihnen nach Himeji ausgefuehrt, eines der groessten und imposantesten japanischen Schloesser. Da koennen wir Schweizer gleich einpacken… Schade war nur, dass das riesige Hauptgebaeude gerade renoviert wird und daher von Abdeckungen vollstaendig eingehuellt war. Nach dem Mittagessen in einem Sushi-Restaurant gingen meine Verwandte und ich wieder zurueck nach Kobe. Und so durfte ich auch weiterhin von der grossen japanischen Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit ‚profitierien‘. Von Freunden wurden wir zu einem feinen Nachtessen eingeladen. Natuerlich gestaltete sich die Kommunikation nicht immer einfach, da die Englischkenntnisse vieler Japaner (ganz entgegen meiner anfaenglichen Erwartungen) sehr begrenzt sind. Zum Glueck war aber meine Verwandte als Uebersetzerin dabei und scheute sich keiner Muehen.

Da mir noch etwas Zeit bis zu meinem Flug nach Kathmandu blieb, entschied ich mich fuer eine Reise nach Hiroshima. Diese Stadt ist bekannt fuer ihre schoene natuerliche Umgebung aus Fluessen, Huegeln und Bergen, sowohl einer idyllischen Insel gleich vor der Kueste. Den meisten von euch ist der Name Hiroshima wohl nicht deswegen gelaeufig, sondern aus einem ganz anderen Grund: Hiroshima war die erste Stadt in der Geschichte der Menschheit, ueber welcher eine Atombombe abgeworfen wurde. Die zweite Stadt war Nagasaki, ebenfalls in Japan. Dies geschah im August 1945, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges.

Ehrlich gesagt, es ist ziemlich traurig sich das Ganze aus der Naehe anzuschauen. Es ist schlicht unvorstellbar, was diese Bombe am verhaengnisvollen 6. August 1945 in Hiroshima anrichtete. Man fragt sich, wie es moeglich ist, dass jemand ueberhaupt auf die Idee kommt, sowas gegen Menschen einzusetzen.
Ein paar Fakten: Beim Atombombenabwurf – 8 Uhr morgens an einem wolkenlosen Sommertag – starben 80’000 Menschen augenblicklich. 60’000 weitere Menschen starben bis Ende Jahr, groesstenteils aufgrund innerer Verletzungen durch nukleare Strahlung. Viele weitere Strahlenopfer starben viele Jahre danach ploetzlich und ohne aeussere Anzeichen.
Alle Gebaeude im Umkreis von 2km vom Explosionsort wurden durch die Druckwelle augenblicklich zerstoert. Der anschliessende Grossbrand brannte die ganze Stadt nieder.
Zahlen allein koennes das unvorstellbare Leid, das dadurch angerichtet wurde, nicht genuegend beschreiben. Man muss sich das mit eigenen Augen anschauen, die Opfer anhoeren, Berichte lesen, Fotos anschauen etc. Vor Ort im sogenannten Peace Memorial Museum von Hiroshima kann man sich selbst ein Bild machen. Das geht unter die Haut.
Hiroshima wurde als ‚Friedensstadt‘ wieder aufgebaut. Der Buergermeister schreibt nach jedem Atombombentest einen Protestbrief an die entsprechende Nation. Die Erben Hiroshimas wollen nicht nachlassen bis es keine Atombomben mehr gibt auf der Welt und stehen ein fuer Gewaltlosigkeit und weltweiten, andauernden Frieden. Ein weiser Mann sagte: „Weltfrieden muss aus innerem Frieden entstehen. Frieden ist nicht einfach die Absenz von Gewalt. Frieden ist, so denke ich, der Ausdruck von menschlichem Mitgefuehl.“

Den zweiten Tag in Hiroshima verbrachte ich dann nicht mehr im Museum (wie den ersten), nein, ich machte bei bestem Wetter einen Ausflug auf die Insel Miyajima, ihres Zeichens Weltkulturerbe und einer der drei „landschaftlich schoensten Orte“ in Japan. Das wuerde ich sogar bestaetigen, doch seht selbst auf den Bildern.
Den letzten Tag in Japan verbrachte ich dann wieder bei meiner Verwandten, wo ich meine Siebensachen zusammenpackte und auf zum Flughafen ging, wo ich in Richtung China abhob. Jedoch nur als Zwischenstopp fuer eine Nacht auf dem wahnsinnigen neuen Flughafen in Kunming, dann gings weiter nach Kathmandu.

Seither geniesse ich das kulturell und landschaftlich vielfaeltige Nepal. Nach fast zwei Wochen in Kathmandu und Umgebung bin ich seit gestern in Pokhara. Von hier aus fliege ich morgen, wenns mit dem Wetter passt, rein in den Himalaya, um noch ein bisschen zu wandern. Angesichts meiner angeschlagenen Knie und des schwachen Trainingsstandes bin ich eher skeptisch und werde mich in weniger steilen und hohen Gebieten aufhalten.
Hier in Pokhara hat die Regen- bzw. Monsunzeit schon begonnen, es giesst draussen gerade wie aus Kuebeln. Drueckt fuer mich die Daumen, dass ich in den Bergen einigermassen trocken davon komme!
Bergheil und bis zum naechsten Mal…

Links:
Wikipedia ueber die Atombombenabwuerfe
Japans Top Destinationen. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich Nr. 1 bis 6 besucht habe 😉

Japan Teil 1 – Reise nach innen

44 Tage, oder sechs Wochen, verweilte ich in Japan. Was nach viel toent, ging erstaunlich schnell vorbei. Direkt aus Suedamerika kommend, war es erstmal ein Kulturschock, und zwar in allen Bereichen: Sprache, Wohlstand, Preisniveau, Mentalitaet der Leute, Japan als Inbegriff einer uebertechnologisierten Gesellschaft.

Reisen, das Sichbewegen von einem Ort zum andern, ist in Japan teuer. Doch was suchte ich eigentlich in Japan? Ich suchte nicht irgendwelche verrueckten Urwaldtrips oder Bergbesteigungen, ich suchte auch nicht die Begegnung mit aussergewoenlichen Leuten oder bescheidenem Fussvolk. Als Nicht-Japanisch-Sprecher und Lowbudget-Reisender waere ich dafuer definitiv am falschen Ort gewesen.
Ich suchte einen Kontrast (besser: eine Ergaenzung!) zu den bewegenden, ruehrenden, lebensfrohen, selbstvergessenen, abenteuerlichen, ausgefallenen und magischen; je nachdem nachdenklich, demuetig, traurig oder hoffnungsvoll stimmenden; schlicht und einfach sensationellen Erlebnissen, welche ich in Suedamerika machen durfte.
Nach so vielen Eindruecken erachtete ich es als noetig und richtig, den Fokus auch mal nach innen zu richten und zur Ruhe zu kommen. Also: „Tschuess Welt!“ und „Hallo Kloster!“ Zen-Kloster, um genau zu sein.

Es war weiterhin eine Reise, doch keine auessere Reise mit dem Fahrrad oder dem Bus, sondern eine Reise nach innen mit Meditation, Arbeit und streng geregeltem Alltag als ‚Transportmittel‘. Das ist die Reise des Zen, eine Reise, die weit ueber die Klostergrenzen hinaus geht. Ultimatives Ziel ist, die ungluecklich machenden Faktoren des Alltagslebens zu erkennen, zu beseitigen und dadurch dem Leben mehr Leichtigkeit, Sinn und Glueck zu verleihen.
Um einen Geschmack davon zu bekommen, wie Zen meine Wahrnehmung in kurzer Zeit verschaerfte, koennt ihr auch den vorherigen Artikel lesen. Ich verfasste ihn nur zwei Tage nachdem ich aus dem Kloster – nach 25 Tagen freiwilliger Isolation von der Aussenwelt – in das japanische Stadtleben zurueckgekehrt war. Zen hiess fuer mich damals: Bewusste, ungerichtete Wahrnehmung jedes Augenblickes im Hier und Jetzt, ohne das Verstaendnis fuer groessere Zusammenhaenge zu verlieren.

(Japan Teil 2 folgt in moeglichster Baelde. Ich schreibe aus Kathmandu. Strom- und Internetversorgung ist oft nicht gewaehrleistet)

Japan – das Land der aufgehenden Sonne

Heute frueh, als ich aus meinem Hostelzimmer trat, war es draussen schon hell. (Ich bin ein Spaetaufsteher.) Das Tageslicht fuellte den Flur voll aus. Trotzdem waren alle Lichter im Flur angeschaltet. Weit und breit war niemand zu sehen.
Frueher haette ich mich in einer solchen Situation geaergert. Oder vielleicht haette ich die brennenden Lichter gar nicht wahrenommen. Oder ich haette sie erkannt und ausgeschaltet, mich dabei aber etwas unwohl gefuehlt, im Sinne von „Was bin ich nur fuer ein Oekofreak?“.
Heute war es ganz anders. Kein Aerger, keine Schuldgefuehle. Ich fuehlte Erstaunen. Erstaunen und Unverstaendnis. „Wie ist das ueberhaupt moeglich, dass jemand vergisst die Lichter auszuschalten?“
Wissen die denn nicht, woher die Energie kommt? Wissen die nicht, was alles in Kauf genommen wird, um elektrischen Strom herzustellen?
Immerhin befinden wir uns in Japan, nach dem GAU vor Jahren kaempfen sie in Fukushima immer noch mit der radioaktiven Strahlung.
Ich dachte also: Ist es nicht unerhoert, dass wir keinen Bezug mehr herstellen koennen zwischen unseren Handlungen und deren Zusammenhang mit den Geschehnissen in der Welt?
Wir sind entbunden, leben in der Blase unseres alltaeglichen Lebens. In dieser Blase stimmt vielleicht alles fuer uns, wir fuehlen uns gut, unverletzlich, geborgen. Die Blase ist aber eine Illusion wie ein schoener Traum, irgendwann platzt sie.
Dann haben wir die Quittung: Wir werden zurueckgeholt in die nackte, ungeschminkte Realitaet.
Wir sagen dann: „Oh, eine Katastrophe, ein Unfall, ein Unglueck!“ Es toent dann so, als sei etwas passiert, das wir nicht kontrollieren koennen. Als haette uns die Natur einen Streich gespielt.

Doch so ist es nicht.

Das ‚Unglueck‘, der ‚Unfall‘ ist nur die logische Folge einer Entwicklung, ist das Symptom der Krankheit, die schon lange vorher da war.
Die Krankheit, das ist unsere eigene Ignoranz, der Verlust eines Bewusstseins fuer unsere Handlungen in einem groesseren Zusammenhang.
Wenn wir also das Licht anschalten, schalten wir nicht nur einfach das Licht an. Wir senden ein klares Signal an unsere Umwelt: „Hier wird Licht gebraucht. Produziert Strom bitte! Baut AKW’s, Staudaemme, Windraeder!“ Wenn wir eine neue Regenjacke kauft, kaufen wir nicht einfach eine neue Regenjacke. Wir senden das Signal: „Hier brauchen wir Regenjacken und wir zahlen gerne mit Geld dafuer. Es ist uns egal ob bei der Produktion der Jacke Kinderarbeit im Spiel war oder giftige Chemikalien in einen Fluss geleitet wurden.“ (Oder hat jemand von euch schon mal den Verkaeufer gefragt oder die Produktionsfirma angerufen?)

Und so leben wir weiter in unserer Blase, reich oder arm, gluecklich oder ungluecklich, gestresst oder gelassen, dick oder duenn, aber alle mit der gleichen Krankheit: Wir haben uns entkoppelt von der Welt, die uns taeglich, sichtbar oder unsichtbar, umgibt. Wir koennen keine Zusammenhaenge mehr herstellen. Wir tappen hilfslos im Dunkeln. Bis die Blase ein naechstes Mal platzt und ein ‚Unglueck‘ uns zurueck in die Realitaet holt.

Spaetestens dann sollte uns eigentlich ein Licht aufgehen.

Chronik einer Vergiftung

Zur Aufloesung moeglicher Verwirrung, und damit das auch dokumentiert ist, hier eine kurze Zusammenfassung der Krankheit, welche ich im feuchten Osten Ecuadors aufgelesen hatte:

Als wir zurueck vom Yasuní waren, machten wir einen dreistuendigen Zwischenhalt in Coca, bevor wir den Rueckweg nach Cuenca (ueber Tena) antreten sollten. Waehrend dieser Zeit ass ich den verhaengnisvollen, gerade mal geniessbaren Hamburger eines Fastfood-Restaurants (keine der einschlaegig bekannten Ketten). Man muss mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das Fleisch dieses Hamburgers verdorben war.
Davon wussten wir zu der Zeit natuerlich noch nichts. In Tena quartierten wir uns fuer eine Nacht ein, bevor es am darauffolgenden Tag zurueck nach Cuenca gehen sollte. In der Nacht bekam ich ploetzlich Fieber und Kopfschmerzen. Ich nahm ein Dafalgan und am Morgen ging es mir wieder besser. Schon waehrend des Vormittags plagten mich dann aber Schwaechegefuehle, wieder Fieber und Kopfschmerzen. Wir beschlossen Bettruhe als Therapie, d.h. eine weitere Nacht in Tena zu bleiben. Schon am Abend hatte ich dann aber 39.7 Grad Fieber. Wir mussten zum Arzt. Er checkte meine Symptome, mass nochmals Fieber (39.9) und stellte nach einem Bluttest seine Diagnose: Denguefieber, eine Tropenkrankheit, wo man sich die ersten 4-5 Tage miserabel fuehlt und nach 8-12 Tagen der ganze Spuk normalerweise glimpflich vorbei geht. Dengue kann man aber erst nach vier Tagen Krankheit definitiv im Blut nachweisen. Aufgrund seiner Erfahrung glaubten wir seiner Diagnose. Zu meiner Begeisterung erhielt ich eine fiebersenkende Spritze, die mich fuer fuenf Stunden von den schlimmsten Symptomen befreite.
Appetit hatte ich keinen und mein Magen reagierte auf die meisten Lebensmittel mit Rueckgabe. Wir entschieden, dass ich zwecks besserer Behandlung und Krankheitsverlauf am naechsten Tag in eine groessere Stadt Ecuadors reisen sollte. Gesagt, getan: Schnellbus nach Quito (3h), von dort Flug nach Cuenca (1h). Zuvor ging ich in Tena nochmals zum Arzt, um eine fiebersenkende Spritze zu holen. Er warnte uns, dass das die letzte Spritze dieser Arzt sei, sonst bekaeme ich noch einen lebensgefaehrlichen haemorrhagischen Verlauf mit Blutungen. Leider liess die Wirkung schon im Flugzeug nach, die Reise war so ein Horror.

Da ich in Cuenca dann Ibuprofen (kann ebenfalls Blutungen verursachen) mit Dafalgan verwechselte, sank das Fieber so stark, dass ich gar nicht mehr glaubwuerdig in die Notfallaufnahme einer Klinik konnte. Wir warteten also bis zum naechsten Tag, bis das Fieber erwartungsgemaess wieder gestiegen war. Die Notaufnahme war nicht sehr angenehm, nach der Untersuchung musste ich mehr als eine Stunde auf dem ‚Schragen‘ warten, bis ich Schmerzlinderung erhielt und in ein Zimmer interniert wurde. Diagnose: Typhus. Das stimmte mich schon von Anfang an skeptisch, schliesslich war ich gegen Typhus geimpft. Auf alle Faelle: Kein Dengue.
Diese Diagnose war aber keine Erleichterung. Ich sprach nicht auf die Antibiotika gegen Typhus an und mit jeder Stunde ging es mir miserabler. Zur Bestaetigung der Diagnose wurde mir regelmaessig Blut entnommen. Am Samstag (vierter Tag der Krankheit) ging es mir dann schon so schlecht, dass ich mich mehr tot als lebendig fuehlte.
Ausserdem erhielt ich eine neue Diagnose: kein Typhus, sondern ein Virus in Kombination mit einer Gastroenteritis (Magendarmgrippe). Die weissen Blutkoerperchen waren besorgniserregend geschwunden, mein vom Virus geschwaechtes Immunsystem schien nicht faehig, die Krankheit zu besiegen. Der behandelnde Arzt sollte fuenf Tage danach zugeben, dass die Lage in der Tat „sehr gefaehrlich“ war.
Das merkte ich natuerlich auch selbst. Familie in der Schweiz wurde alarmiert und die Rega kontaktiert fuer den Fall, dass es so weiterginge und man mich ‚heimholen‘ muesste. So weit kam es zum Glueck nicht. Auf die neu verordnete Medikation sprach ich sehr gut an und am Sonntag ging es mir schon wieder so gut, dass mir fuer Montag die Entlassung aus dem Spital versprochen wurde. So war es denn auch und ich war froh, diesen ‚grauen Kaefig‘ verlassen zu duerfen. Sie mussten mir naemlich schon Beruhigungsmittel spritzen, da ich mich so eingeengt fuellte und in meinem Zimmer und in der Klinik in Kreisen lief. Ich konnte mich nicht nicht bewegen. So ging das zwei Tage lang, ein furchtbares Gefuehl, so aehnlich stelle ich mir Folter vor. Zum Glueck liess das allmaehlich nach, nachdem ich die Klinik verlassen hatte.

Zusammenfassung:
Laut Arzt hatte ich also einen unbekannten Virus, der meinen Koerper schwaechte. Waehrend dieser Zeit ass ich eine verdorbene Speise, die Salmonellen enthielt, meinen Magendarmtrakt attackierte und das Immunsystem auf die Probe stellte. Daher das Schwinden der weissen Blutkoerperchen. So wie ich es verstand, war das das grosse Problem, die Gefaehrlichkeit der Situation: dass ich andere Infektionen aufgrund der Schwaechung des Immunsystem nicht mehr ueberstehen wuerde. Zum Glueck wurde das aber richtig festgestellt und behandelt.
Grosser Dank gebuehrt den kompetenten Aerzten in Cuenca, natuerlich meiner verstaendnisvollen Familie und vor allem auch der zuverlaessigen Rega. Heute bin ich mehr denn je davon ueberzeugt, dass man in einer Notsituation im Ausland wirklich auf die zaehlen kann (wen man denn Regagoenner ist).

Heute, 2.5 Wochen nach der Lebensmittelvergiftung mit Kompikation, fuehle ich mich wieder bei Kraeften. Grosse koerperliche Anstrengung vertrage ich jedoch noch nicht. Ob der unbekannte Virus vom letzten Mai/Juni bei der ganzen Sache noch eine Rolle spielte, kann ich nicht sagen.