Japan – das Land der aufgehenden Sonne

Heute frueh, als ich aus meinem Hostelzimmer trat, war es draussen schon hell. (Ich bin ein Spaetaufsteher.) Das Tageslicht fuellte den Flur voll aus. Trotzdem waren alle Lichter im Flur angeschaltet. Weit und breit war niemand zu sehen.
Frueher haette ich mich in einer solchen Situation geaergert. Oder vielleicht haette ich die brennenden Lichter gar nicht wahrenommen. Oder ich haette sie erkannt und ausgeschaltet, mich dabei aber etwas unwohl gefuehlt, im Sinne von „Was bin ich nur fuer ein Oekofreak?“.
Heute war es ganz anders. Kein Aerger, keine Schuldgefuehle. Ich fuehlte Erstaunen. Erstaunen und Unverstaendnis. „Wie ist das ueberhaupt moeglich, dass jemand vergisst die Lichter auszuschalten?“
Wissen die denn nicht, woher die Energie kommt? Wissen die nicht, was alles in Kauf genommen wird, um elektrischen Strom herzustellen?
Immerhin befinden wir uns in Japan, nach dem GAU vor Jahren kaempfen sie in Fukushima immer noch mit der radioaktiven Strahlung.
Ich dachte also: Ist es nicht unerhoert, dass wir keinen Bezug mehr herstellen koennen zwischen unseren Handlungen und deren Zusammenhang mit den Geschehnissen in der Welt?
Wir sind entbunden, leben in der Blase unseres alltaeglichen Lebens. In dieser Blase stimmt vielleicht alles fuer uns, wir fuehlen uns gut, unverletzlich, geborgen. Die Blase ist aber eine Illusion wie ein schoener Traum, irgendwann platzt sie.
Dann haben wir die Quittung: Wir werden zurueckgeholt in die nackte, ungeschminkte Realitaet.
Wir sagen dann: „Oh, eine Katastrophe, ein Unfall, ein Unglueck!“ Es toent dann so, als sei etwas passiert, das wir nicht kontrollieren koennen. Als haette uns die Natur einen Streich gespielt.

Doch so ist es nicht.

Das ‚Unglueck‘, der ‚Unfall‘ ist nur die logische Folge einer Entwicklung, ist das Symptom der Krankheit, die schon lange vorher da war.
Die Krankheit, das ist unsere eigene Ignoranz, der Verlust eines Bewusstseins fuer unsere Handlungen in einem groesseren Zusammenhang.
Wenn wir also das Licht anschalten, schalten wir nicht nur einfach das Licht an. Wir senden ein klares Signal an unsere Umwelt: „Hier wird Licht gebraucht. Produziert Strom bitte! Baut AKW’s, Staudaemme, Windraeder!“ Wenn wir eine neue Regenjacke kauft, kaufen wir nicht einfach eine neue Regenjacke. Wir senden das Signal: „Hier brauchen wir Regenjacken und wir zahlen gerne mit Geld dafuer. Es ist uns egal ob bei der Produktion der Jacke Kinderarbeit im Spiel war oder giftige Chemikalien in einen Fluss geleitet wurden.“ (Oder hat jemand von euch schon mal den Verkaeufer gefragt oder die Produktionsfirma angerufen?)

Und so leben wir weiter in unserer Blase, reich oder arm, gluecklich oder ungluecklich, gestresst oder gelassen, dick oder duenn, aber alle mit der gleichen Krankheit: Wir haben uns entkoppelt von der Welt, die uns taeglich, sichtbar oder unsichtbar, umgibt. Wir koennen keine Zusammenhaenge mehr herstellen. Wir tappen hilfslos im Dunkeln. Bis die Blase ein naechstes Mal platzt und ein ‚Unglueck‘ uns zurueck in die Realitaet holt.

Spaetestens dann sollte uns eigentlich ein Licht aufgehen.

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